Da gönne ich mir absichtlich zwei Tage ohne Viennale (man muss ja schließlich auch mal arbeiten), und was passiert? Ich gewinne Kinokarten. Und zwar für die Premiere von Werner Herzogs Dokumentarfilm CAVE OF FORGOTTEN DREAMS, und zwar in 3D. Na dann verbringe ich halt noch einen Abend im Kino, ist eh schon egal.
Ich war ja von dem Thema des Films schon angefixt als ich den Trailer vor einigen Wochen im Kino gesehen hatte. Ich meine: Es geht um 30.000 Jahre alte Höhlenmalereien. Also in Worten: Dreißigtausend Jahre. Das ist nicht nichts. Und dieses Erlebnis im Film war wirklich unglaublich. Allein die Vorstellung wie die Höhlenforscher die Höhle entdeckt hatten, die nach einem Erdrutsch vor 22.000 Jahren verschlossen wurde – ihr erster Blick auf diese Malereien, wenn es dann langsam ins Bewusstsein sackt was man da vor sich hat. Aber ich hatte den Eindruck dass es Werner Herzog nicht wirklich darum geht, auch wenn er interessante (und auch skurrile) ExpertInnen vor die Kamera holt.
Mein Eindruck war, dass es ihm viel mehr darum ging die Brücke dazu zu schlagen dass man hier die Seele des Menschseins ablesen kann, die Wiege unserer Kultur sozusagen. Und das tut Werner Herzog dann stellenweise mit einer Vehemenz und einem Pathos im Voiceover dass ich mir oft gewünscht habe er würde jetzt einfach nichts mehr sagen.
Aber abgesehen davon ist dieser Film ein richtiges Erlebnis. Auch wenn meine Hirn 3D Bilder die mit einer Handkamera gefilmt wurden nicht wirklich mag (Hallo, Schwindelanfall!). Das gibt sich dann später in der Höhle, da war vielleicht der Platz kleiner oder die Ehrfurcht größer, jedenfalls war das Gezappel weg. Und ich bin ganz berührt von all den Pferden und Löwen und Nashörnern und Wölfen, und ich stelle mir vor wie das unzählige Generationen vor mir Menschen gemalt haben, warum auch immer, und wie einer seine Hand in rote Farbe taucht und seinen Abdruck hinterlässt. Vor 30.000 Jahren. Das stellt einige Relationen klar und das allein ist schon ein Grund sich den Film anzusehen. Schade dass der Film nicht im IMAX Kino laufen wird, dann hätte ich ihn mir glatt nochmal angeschaut.
Paul Schrader sagte im Anschluss dass es nicht sein Ziel war Empathie mit dem Protagonisten zu erzeugen. Ich würde es mal so formulieren: Es ging ihm um die Metaebene. Schrader versucht durch verschiedene Erzählebenen und Verfremdungseffekte dem Schriftsteller und Privatarmeegründer Mishima näher zu kommen. Und das tut er sehr klug: Einerseits über bühnenmäßig gezeigte Ausschnitte aus dessen Werken, andererseits durch das ständige Umkreisen des Themas “Schwert vs. Wort”. Dahingehend ist der Film wirklich brillant. Aber er braucht die Atmosphäre des cineastischen Publikums in einem Filmsaal wie dem des Filmmuseums um zu glänzen. Zumindest war das mein Eindruck.
Was mich aber am meisten erstaunt hatte war etwas anderes. Ich muss nämlich gestehen dass ich Paul Schrader als Regisseur kaum kenne. Ich hatte mit dem Namen die unmittelbare Kraft von Geschichten wie TAXI DRIVER oder RAGING BULL verbunden. Und dann sitzt da ein Mann vorne am Podium, der intellektuell ist. Gebildet, nachdenklich, klug, wortgewandt, spitzfindig und vor allem höchst analytisch. Das fand ich sehr spannend.
MISHIMA scheint wohl die Arbeit zu sein, mit der er die Entscheidung getroffen hat, sich zum Arthousekino zu bekennen (auch wenn er später wieder andere Filme gemacht hat); er selbst hält MISHIMA für seinen künstlerisch ehrlichsten Film.
Spannend auch wie er über die Filmadaption eines Schriftstellerlebens spricht: Seiner Meinung nach ist es unerlässlich sich der Figur des Schriftstellers über die Figuren aus den Romanen zu nähern, wie er es eben in MISHIMA gemacht hat. Guter Hinweis.
Auch als Drehbuchautor scheint Schrader sehr analytisch zu sein, wie aus diesem Interview hervor geht:
I know exactly where I’m going beforehand. I know to the half page if I’m on or off target. I draw up charts before I do a script. I endlessly chart and re-chart a movie. Before I sit down to write, I have all the scenes listed, what happens in each scene, how many pages I anticipate each scene will take. I have a running log on the film.
Auch das finde ich interessant aus dem Blickwinkel heraus, dass Schrader TAXI DRIVER quasi als Therapie innerhalb weniger als einem Monat geschrieben haben soll.
Was Paul Schrader übrigens hasst sind Filme die dem Publikum keinen Raum für eigene Vorstellungen lassen weil sie ausnahmslos alles erklären. Sein Negativbeispiel dazu war THE KING’S SPEECH, der vor ein paar Tagen mit Oscarnominierungen schier überhäuft wurde. (Jetzt will ich den Film gleich nochmal so gerne sehen. Wobei ich vermute dass er mir gefällt.)
Anscheinend habe ich hier nie etwas zu INCEPTION von den Christopher Nolan geschrieben. Sehr merkwürdig. Dann fasse ich also kurz zusammen:
Das was mich am meisten interessiert hätte fand kaum statt. Zugegeben, es wäre dann ein anderer Film geworden, einer ohne James Bond mäßige Stunts, vielleicht sogar ohne Agentenzeugs. Was mich interessiert hätte wäre nämlich die Geschichte einer Familie gewesen, die sich eine Traumwelt erschafft die so verführerisch ist, dass die Frau nicht mehr zurück in die Realität will. Der Mann greift zu einem – wie er glaubt sehr cleveren – Trick, der fatale Folgen hat: Die Frau bringt sich um. Oder war auch das nur ein Traum? Jedenfalls hätte mich das Personal Drama, die Liebesgeschichte interessiert. Aber die stand in dem Film leider nicht im Zentrum der Geschichte.
Und mich hat noch etwas irritiert: Warum hat das ganze Internet davon gesprochen wie wahnsinnig komplex dieser Film ist? Ich fand das ziemlich einfach: Vier Ebenen, eine in der anderen verschachtelt, mit jeweils potenzierter “Zeitverlangsamung”, und am Ende ein kleiner Twist durch einen vorgezogenen Schnitt, der verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Das ist doch wirklich nicht so schwierig, oder? Vielleicht bin ich nach sechs Staffeln LOST auch durch nichts mehr zu erschüttern. Trotzdem gebe ich zu, dass ich diese Grafik zur Erläuterung der Ebenen schön finde.
Interessant finde ich aber das Interview, das ich hier gefunden habe. Der eine Nolan Bruder (Jonathan) interviewt den anderen Bruder (den Regisseur und Autor Christopher). Dieser Link öffnet ein PDF mit einem Scan des ganzen Interviews. Es scheint aus dem Buch zu stammen, in dem das Shooting Script abgedruckt ist. Nehmt euch Zeit fürs Ausdrucken und Lesen, ich finde es lohnt sich.
Ach, und noch etwas: War ich die einzige, die von dem ständigen Soundteppich genervt war? Die Musik an sich fand ich sehr gut, und auch die diversen Videos und Artikel über die Entstehungsgeschichte. Aber mir war das im ganzen dann doch einfach zu viel.
Wie dem auch sei, hier hat jemand etwas Schlaues gemacht: Die vier Traumebenen wurden parallel montiert und im Zeitverhalten an die erste Ebene angepasst. Sehr faszinierend.
Was habt ihr eigentlich damals von INCEPTION gehalten?
Mir ist damals nicht bewusst aufgefallen, dass die Figur Sean Parker dem Protagonisten Matt Zuckerberg den Spiegel vorhält, aber es stimmt natürlich: Der ambivalente Umgang den Parker mit seinen Mitmenschen pflegt und gleichzeitig die verführerische Coolness die er in Clubs an den Tag legt spiegeln einen Weg, der Zuckerberg auch vorgeschrieben sein könnte.
Mich erinnert das ein bisschen an THE DARK KNIGHT, wenn wir sehen wie Harvey Dent vom Strahlemann zum rachesuchenden Two Face wird. Der Joker wird wohl eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, aber die passiert off screen bevor der Film beginnt. Wir sehen nur mehr die Auswirkungen. Trotzdem bekommen wir eine Ahnung davon, wenn wir Dents Entwicklung sehen.
Supporting characters are often crucial in illuminating different aspects of the protagonist while they contribute to the functioning of the plot.
Stimmt. Und auch die weiteren Anmerkungen von Trevor Johnston in dem Artikel sind es wert gelesen zu werden: Von dem Etablieren des “tragic flaw” der Hauptfigur bis zur Controlling Idea – eine interessante Analyse.
Da sehe ich also einen Trailer, in dem Helen Mirren diverse Maschinengewehre bedient, Bruce Willis so cool daher kommt wie es überhaupt nur möglich ist und dann noch Morgan Freeman und John Malkovich mitspielen.
Und dann gehe ich ins Kino und bin enttäuscht. Jetzt ist das natürlich blöd für mich, aber weniger blöd für euch. Denn wenn mich ein Film nicht fesselt schalte ich den Analysemodus und dabei habe ich einiges entdeckt.
(Achtung für alle die den Film noch nicht gesehen haben: Weiter unten kommen massive SPOILER!)
Zunächst fällt mir auf, dass ich bis über die Hälfte des Films so ein unterschwelliges Gefühl habe als würde ich mich immer noch im ersten Akt befinden. Und dann erinnere ich mich dass ich das schon mal hatte, nur extremer, und zwar beim ersten X-MAN Film. Da kam mir vor, dass der gesamte Film bloß der erste Akt zu einem Franchise ist, das eigentlich erst beim zweiten Film so richtig losgehen wird. So ähnlich wie bei einem mittelmäßigen Pilotfilm für eine Serie. Und hier war das ähnlich, auch wenn ich den A-Plot bei R.E.D. eigenständiger und ein wenig stärker und kompakter fand. Es werden also Figuren etabliert, und dann wird eine Geschichte erzählt, in der die weiteren Star-Protagonisten Stück für Stück aufgesammelt werden, bis die Truppe am Ende für den großen Coup beisammen ist.
Was ich aber besonders schade fand war das plumpe Drehbuch. Es muss ja nicht jeder Film so komplex daherkommen wie zum Beispiel THE DARK KNIGHT oder CASINO ROYALE, aber z.B. ein bisschen mehr ironische Zwischentöne hätten mich nicht gestört und gut zum Grundton des Films gepasst.
Dabei ist es ja so, dass das Drehbuch im Grunde alles richtig macht, was man bei so einem Film auf der Checkliste stehen hat. Aber es wird eben unelegant abgehakt, und das hat mich so enttäuscht. Ein Beispiel (so, jetzt kommt ein wirklicher SPOILER): Über den Antagonisten erfahren wir die ganze Zeit so gut wie nichts, was die Figur über die Berufsausübung hinaus definiert. Dann kommt plötzlich aus heiterem Himmel eine Szene, in der er in der Nacht zu Hause kurz seine friedlich schlafenden Kinder betrachtet. Dann klingelt sein Blackberry und die Geschichte geht weiter. Diese Szene hat mich irritiert, weil sie so gar nicht in den Ablauf gepasst hat. Ganz am Ende wurde mir aber klar, wieso sie da hineingequetscht wurde. Weil Bruce Willis den bösen Antagonisten gegen Ende erpresst, indem er sich in sein Haus schleicht, ihn von dort aus anruft und droht die Frau und die Kinder des Bösen umzubringen. Und dafür muss man antürlich vorne etablieren, dass der Böse etwas hat, das er liebt: Seine Kinder. Und so ging das dahin: Alles war irgendwie drinnen und hatte auch eine Funktion im Drehbuch, aber die Art wie es gemacht wurde war leider sehr platt.
Vielleicht ist Drehbuchschreiben ja ein bisschen wie höhere Mathematik: Es zählt nicht nur dass man die Lösung einer Gleichung findet, sondern auch wie elegant der Weg dorthin ist.
Ich weiß dass ich da ziemlich hohe Anforderungen an das Popcornkino stelle. Aber ich habe gesehen dass es auch komplexer oder selbstironischer geht (besagte Beispiele weiter oben). Oder dass man es gleich komplett überhöht sodass nur der reine Spaß übrig bleibt (so gings mir bei PRINCE OF PERSIA – das fand ich schlicht und einfach nur unterhaltsam, aber das dafür gut). Aber das hat R.E.D. für mich leider nicht geschafft.
p.s.: Obwohl ich mich so auf Helen Mirren mit dem Maschinengewehr gefreut habe war es letztlich John Malkovich, der die meisten Nuancen drauf hatte. Wobei man sagen muss, dass seine Figur auch am meisten zum Spielen hergab.
Bevor ich mich in den Viennale Wahnsinn gestürzt habe, war ich nochmal normal im Kino. Erinnert ihr euch, dass ich im Sommer daran gezweifelt habe, dass man aus einer Website einen interessanten Film machen kann? Ich lag falsch. Man kann sehr wohl. Genauer gesagt können es Aaron Sorkin (Drehbuch) und David Fincher (Regie).
“Social Network” erzählt die Geschichte von einem jungen Computergenie mit mangelnden soziale Fähigkeiten. Er programmiert eine Webseite, die die sozialen Gegebenheiten der realen Welt in die virtuelle überträgt. Auf dem Weg dorthin schafft er sich Feinde, verliert Freunde und verdient so viel Geld, dass er sich mehr als alles kaufen könnte, was er sich ausdenken kann.
Soviel zum Inhalt. Viel interessanter als das “was” ist hier aber das “wie”. Sorkins Drehbuch ist elegant und intelligent, und ich bin immer noch mit Anhimmeln beschäftigt. Es werden Zeitebenen verschränkt, und zwar vollkommen ohne Ankündigung, es gibt eine der besten Figurenetablierungen, die ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe (erster Auftritt Justin Timberlake), sehr gute Dialoge und ein wirklich tragendes und starkes emotionales Thema.
Wer sich in die Analyse vertiefen möchte (Achtung Spoiler!), kann hier ein Beatsheet nach der Black Snyder Methode nachlesen. Sehr interessant ist auch die Frage nach den kaum vorhandenen Frauenfiguren. Die Sache mit den Frauen in den Kino- und TV-Geschichten ist eigentlich eine ganze Artikelserie wert, die ich schon länger im Kopf habe und die ich nach der Viennale hoffentlich mal hier aufschreiben kann. Inzwischen kann man Aaron Sorkins persönlichen Kommentar auf einen Artikel dazu hier nachlesen.
Ok, ich geb es zu: Sobald Männer und Frauen mit Pfeil und Bogen rumrennen und mit Schwertern herumfuchteln, verfalle ich in einen Kostümrausch und es ist um mich geschehen. Kostümfilme sind mein guilty pleasure, in meinem DVD Regal gibt es mittlerweile ca. einen Meter davon.
Das war schon als Kind so, ich habe damals die britische TV Serie Robin Of Sherwood so geliebt, dass ich vor dem Einschlafen in Gedanken mit Robin, Marian und den Gefährten durch den Sherwood Forest gelaufen bin (und eine Platte mit der Serienmusik hatte, von Clannad, aber nunja, nicht alle Taten der eigenen Kindheit sind rühmlich. Modern Talking, anyone?).
Bei der Kevin Costner Version im Kino war ich dann schon so richtig Teenager und natürlich auch völlig der Schwärmerei verfallen.
Und jetzt läuft also die neue ROBIN HOOD Variante im Kino, mit Russell Crowe, unter der Regie von Ridley Scott. Ich mochte GLADIATOR, ich mag Kostümfilme, da kann wenig schiefgehen. Oder? Aber es ist etwas Merkwürdiges passiert: Der Film macht irgendwie alles richtig, jedoch ist ihm die Seele abhanden gekommen. Nur zwei Szenen haben mich berührt, und in beiden kommt Cate Blanchett vor – in beiden geht es höchst emotional um Todesnachrichten.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass man alles abhaken wollte: Nicht die klassische Geschichte, sondern das Prequel erzählen (wie wurde der Soldat Robin zu Robin Hood). Alles ein bisschen echter, authentischer wirken lassen. Eine gereifte Liebesgeschichte erzählen. Eine emotionale Backstory zeigen. Epische Kampfszenen nicht vergessen. Die Frau in Kampfmontur. Trotz Action die Konzentration auf das emotionale Personal Drama legen. Und so weiter, die Liste ist lang, und sie wurde vollständig abgearbeitet.
Aber genau das war mein Eindruck: Dass hier eine Liste abgearbeitet wird, die alles erfüllen muss, und deshalb den Film irgendwie halbgar werden lässt. Mir ist auch nicht klar geworden, worum es emotional nun wirklich geht, und letztlich wurde mir die Geschichte auch nicht so neu und anders erzählt, wie man es im Vorfeld propagiert hatte.
Jetzt bin ich auf ein Blogposting gestoßen, das eine mögliche Erklärung für mein “Nicht Fisch, nicht Fleisch” Gefühl parat hat: William Martell fasst in seinem Weblog alles zusammen, was er über den Entstehungsprozess des Drehbuchs weiß, versehen mit einer starken persönlichen Haltung. Aber allein die Fakten sind schon interessant genug:
Probably close to 3 years ago, a hot script by Ethan Reiff and Cyrus Voris called NOTTINGHAM went out to buyers. The script was the Robin Hood story told from the Sheriff of Nottingham’s point of view – as he used period “forensics”, like tracking and arrow trajectory, to find a terrorist who was robbing respectable members of society. Shelock Holmes in Sherwood Forest. (…)
Brian Helgeland was brought in to do rewrites, and he’s an Oscar winning writer. If he were brought in to rewrite one of my screenplays, I would be dancing on clouds…
Except the rewrites are kind of weird. Ridley [Scott, Anm.] becomes *obsessed* with archery, has always wanted to do a movie about archery, and has NOTTINGHAM rewritten to focus on archery and archers. Huh?
Den ganzen langen Artikel findet ihr hier, und darin ist auch ein Link zu diesem schon etwas älteren Beitrag aus der L.A. Times.
Conclusio: Stoffentwicklung ist eine schwierige und manchmal gefährliche Sache. Es prallen nicht nur viele Menschen mit unterschiedlichsten Befindlichkeiten aufeinander, sondern auch Sachzwänge, Machtsituationen und Abhängigkeiten. Ich erlebe es hin und wieder, dass einzelne Ideen (egal ob sie von Regie, Redaktion, ProduzentIn, SchauspielerInnen kommen), die für sich betrachtet vielleicht gar nicht schlecht sind, eine homogene Geschichte zu einem zerfallenden Stückwerk machen.
Es ist wirklich interessant, dass oft die Punkte, die mich beim Lesen des Buchs irritieren, genau die sind, bei denen der Autor oder die Autorin in der Drehbuchbesprechung sagt “Ja, das war diese neue Idee, die bei der letzten Besprechung aufgetaucht ist” – und ich merke sofort, dass diese Idee nicht von den Autoren selbst stammt. Oder dass noch nicht genug Zeit vergangen ist, damit sich der Autor oder die Autorin diese Idee wirklich zu eigen machen konnte und sie so ins Buch einbindet, dass die Nahtstellen verschwinden.
Manchmal sind das Ideen, die an sich funktionieren und man fragt sich, wieso man nicht gleich drauf gekommen ist. Manchmal funktionieren sie aber einfach nicht und bewirken letztlich, dass das Drehbuch zerfällt, weil alle und alles bedient werden muss. Und vielleicht ist so etwas bei ROBIN HOOD ja auch passiert.
Und für alle, die nach der aktuellen Version gern in Erinnerungen schwelgen, habe ich hier zwei kleine Geschenke:
Was, ich habe noch gar nichts über WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN geschrieben? Das wird eine kurze Kritik, denn sie läuft ohnehin nur auf eines hinaus: Schaut euch den Film an. Punkt.
Ich hatte den Film kurz nach meinem zweiten AVATAR Besuch gesehen, und ich kann euch gar nicht sagen, wie erleichtert ich war. Schon bei der Anfangssequenz, als eine entfesselte Handkamera dem kleinen Max hinterherläuft, habe ich aufgeatment, kurz darauf das erste Mal fast geweint (die Schneeballschlacht!), dann den ganzen zweiten Akt lang gestaunt, mich wie ein kleines Kind gefühlt, und dann am Ende gleich doppelt geheult, weil mich das alles so berührt hat.
Um mich so im Innersten zu berühren, brauchte es keine 300 Millionen Dollar Budget, sondern eine simple Geschichte mit komplexen Charakteren, Originalschauplätze, viel wunderschönes Gegenlicht, echte Menschen die in Puppen stecken und eine liebevoll und konzentriert erzählt Storyline, deren Vorlage in dem Fall übrigens genauso zu meiner Kindheit gehört, wie “Alice im Wunderland”. Aber die WILDEN KERLE haben mich wirklich erwischt, entführt und auf eine Reise mitgenommen. Was ich bei Tim Burtons ALICE nur bedingt so empfunden hatte.
Kurzer Exkurs: Ich denke (bzw. hoffe), dass die ganze 3D Aufregung über kurz oder lang denselben Weg geht wie andere technische Innovationen: Dass man 3D irgendwann lediglich als technische Bereicherung empfindet, die einem helfen, gute Geschichten noch besser zu transportieren. Nach ALICE IM WUNDERLAND und AVATAR habe ich nämlich den Eindruck, es gehe im wesentlichen darum, dass die Geschichte der Technik dient und nicht umgekehrt. Aber das war bei vielen Animationsfilmen nach TOY STORY auch so, und auch der Einsatz des Zooms in Realfilmen hat sich irgendwann auf ein Normalmaß eingepegelt.
Und was denkt ihr über die WILDEN KERLE im Speziellen und diese ganze 3D Sache im Besonderen?
So, nachdem ich gerade AVATAR besprochen habe, lege ich gleich mit ALICE IM WUNDERLAND nach, den ich kürzlich gesehen habe. Wieder in IMAX 3D, diesmal an einem Sonntagnachmittag mit Horden von aufgeregten Kindern im ausverkauften Kinosaal. Was Spaß macht, weil man die unverblümten Reaktionen mitkriegt. Wobei ich ein bisschen Angst hatt, denn die Kinder waren teilweise sehr klein und die Handlung in Verbindung mit dem 3D Effekt oft düster und zum Fürchten. (In Deutschland ist der Film übrigens ab 12 Jahren freigegeben, bei uns in Österreich ab 6.)
Kurz gesagt: Ich war “mildly underwhelmed”. Aber zuerst zum Positiven: Ich finde es toll, wie die Hauptfigur angelegt ist. Alice ist in dieser Adaption ein wirkliches Vorbild an Emanzipation, und das ist auch gleich das emotionale Thema des Films: Den eigenen Weg gehen. Ihre Reise ist bestimmt davon, eigene Entscheidungen zu treffen, sich zu nichts üebrreden zu lassen, was sie eigentlich gar nicht will und alle Ängste zu überwinden um am Ende als Siegerin dazustehen. Sie mag zwar einer Bestimmung folgen, entscheidet sich aber aus freien Stücken das zu tun. Und das ist schon viel mehr, als man heutzutage im Mainstreamkino von einer Protagonistin – noch dazu für so eine junge Zielgruppe – zu sehen bekommt. Hier gibt es übrigens ein Interview mit der Drehbuchautorin des Films, Linda Woolverton.
Mädchen sind ja zu oft der Sidekick für die Jungs (Harry Potter) oder sie bewegen sich fast ausschließlich unter ihresgleichen. Die Konfrontationen die Alice durchlebt und vor allem wie bestimmt sie in den Dialogen ausspricht was sie will und was nicht sind für mich ein angenehmer Gegenpol zu dem, was ich sonst in Filmen dieser Größenordnung zu sehen bekomme. Und Mia Wasikowska spielt diese Rolle noch dazu sehr überzeugend.
Leider wars das für mich dann auch schon mit dem Positiven. Offen gestanden fand ich den Film insgesamt nicht sehr aufregend. Die visuelle Umsetzung hatte zwar wieder vieles von dem, was ich bei Tim Burton mag, aber auf mich wirkte es dieses Mal generisch, irgendwie so als hätte er konzeptuell etwas lieblos von sich selbst abgeschrieben und sich am Schluss dem Disney-Blockbusterkonzept komplett gebeugt. Bei zahlreichen Momenten dachte ich dass ich das bereits kenne – und zwar aus NARNIA, HERR DER RINGE, DER GOLDENEN KOMPASS und und und. Und den etwas albernen Schluss verdrängen wir jetzt bitte und reden uns ein, die Disneystudios hätten Burton unter der Androhung er dürfe sonst nie mehr Filme machen dazu gezwungen, einen bestimmten Tanz einer bestimmten wichtigen Figur einzubauen.
Habt ihr den Film schon gesehen? Was ist euer Eindruck?
Seit vielen Wochen will ich etwas über AVATAR schreiben, aber irgendwie gelingt es mir nicht so richtig. Wo soll ich anfangen? Vielleicht mit der Ausgangslage. Ich habe den Film zweimal gesehen, beide Male in 3D, das erste Mal im Original. Das zweite Mal bin ich nur hingegenagen, weil ihn eine Freundin noch nicht gesehen hatte und ich die Gelegenheit nutzte ihn in IMAX 3D zu sehen.
Technisch gesehen war die IMAX Vorführung tatsächlich ein Quantensprung. Ich hatte die richtigen Sitze, die richtige Laune und verstand endlich, was die Begeisterung der Leute, die immer so über das “Eintauchen in die Welt von Pandora” schwärmten, ausmacht. Aber ich sah auch, dass eine dünne Geschichte nicht viel besser wird, wenn der visuelle Effekt beeindruckender ist. Nur lässt sich der Ärger über die schwache Story leichter verdrängen.
Jetzt zum Inhalt: Was mich wirklich geärgert hat war dass der Film die Geschichte in langen (und sauteuren) 161 Minuten erzählt und es trotzdem nicht schafft, mehrdimensionale Figuren zu erschaffen (und das in einem 3D Film…! Ähem). Denn das war mein größtes Problem: Alles war von vornherein klar, es gab keine Nuancen, kaum offene Fragen. Die Geschichte pflügt wie eine schnurgerade Autobahn durch die Leinwand, ohne jemals nach links oder rechts zu blicken.
Vielleicht bin ich auch einfach nur verwöhnt von großen Blockbustern der letzten Jahre, in denen das anders ist. BATMAN – THE DARK KNIGHT ist für mich so ein Beispiel, oder auch JAMES BOND – CASINO ROYALE. Besonders THE DARK KNIGHT schafft es, ein eigentlich philosophisches Thema (die Moral des Einzelnen) auf vielen Ebene durchzudeklinieren und wirklich wandelbare Figuren zu kreieren. Und trotzdem bleibt es die Actionunterhaltung, für die man an der Kinokasse zahlt. Genau diesen Mehrwert habe ich bei AVATAR wirklich schmerzlich vermisst.
Dass der Film so erfolgreich ist, sei James Cameron gegönnt. Denn er hat beim Publikum das geschafft, was der Filmindustrie seit Jahren unter Androhung von Gefängnisstrafen (Stichwort: Antipiraterie) nicht gelungen ist: Man muss ins Kino gehen, um das volle Filmerlebnis zu genießen. Runterladen und am Computer anschauen ist in dem Fall schlichtweg nicht attraktiv genug. Und den Eskapismusknopf hat Cameron anscheinend so genau (und zur richtigen Zeit) getroffen, dass viele sich den Film sogar mehr als einmal anschauen, um einen erneuten Ausflug nach Pandora zu machen. Dass Cameron das gelungen ist, davor habe ich ziemlich großen Respekt.
Trotzdem: Dass man bei fast 300 Millionen Dollar Budget das Drehbuch (bzw. die Figuren) nicht besser hinbekommt, verstehe ich nicht. Ich meine, die paar emotionalen Echoszenen, die die Charaktere tiefer machen, hätten im Vergleich zum Rest wohl wirklich nicht die Welt gekostet.
Zum Abschluss noch ein Detail am Rande: Kurz nach dem Release von AVATAR tauchte dieses Dokument im Internet auf, in dem die Ähnlichkeiten zwischen POCAHONTAS und AVATAR aufs Korn genommen werden. Jetzt hat das jemand visualisiert, und zwar durch ein Mash-Up zwischen AVATAR (Tonebene) und POCAHONTAS (Bildebene). Sehr vernüglich, das Ganze: