Wie man einen Film pitcht (aber richtig)
Wednesday, March 2nd, 2011Das macht gerade im internet die Runde, und es ist großartig.
Mir hat noch nie jemand ein Projekt so gepitcht. Habt ihr das schon mal versucht?
19.10.’11
Meine Schwester
20.15h, ORF2
Das macht gerade im internet die Runde, und es ist großartig.
Mir hat noch nie jemand ein Projekt so gepitcht. Habt ihr das schon mal versucht?
Julie Gray von Just Effing Entertain Me! hat einige gute Tipps fürs Pitchen parat. Die Tipps Nummer 1, 5, 8 und 13 finde ich besonders gut. Und alle anderen auch.
Ok, gebt mir kurz Zeit für eine kleine Selbstbeweihräucherung: In diesem Eröffnungsposting meiner kleinen Serie über das Pitchen habe ich folgendes geschrieben:
Ich habe mir die Pitches in Erinnerung gerufen, die nicht funktionierten. Und ich bin draufgekommen warum: Meistens lag es daran, dass die AutorInnen zu wenig über ihren Stoff wussten.
Und jetzt finde ich im Blog von Christopher Lockhart einen Artikel mit dem Titel “Some Advice On Pitching”. Und was steht da als Anweisung Nummer Eins? Genau:
KNOW YOUR STORY. (…) Have the answers.
(Ok, ich hör schon wieder auf. Aber man wird sich doch noch mal selbst loben dürfen…)
Es gibt für mich kein Patentrezept für den erfolgreichen Pitch. Aber es gibt bestimmte Prinzipien, die sich schwer verleugnen lassen.
Ein guter Titel, eine klare Logline, eine verständliche Synopsis. Dazu eine eindeutige Hauptfigur, bei der mir klar ist, woher sie kommt, was sie erreichen will und wie sie entgegen aller Hürden dorthin kommt. Ein fundiertes Wissen über das Genre und den Tonfall der Geschichte ist auch hilfreich.
Unterm Strich geht es also darum, so viel wie möglich über die eigene Geschichte zu wissen, bevor man pitcht.
Also, viel Erfolg!
Die hohe Kunst des Pitchens ist eine gute Logline. Wie man die definiert ist unklar, jedenfalls sollte es ein möglichst fesselnder Ein- bis Dreizeiler sein, der die Geschichte bestmöglich anteasert.
Die Logline kann sich dabei auf den Plot beschränken: „Als die weltbekannte Schauspielerin X auf den Buchhändler Y trifft, stellt diese Begegnung sein Leben auf den Kopf. Und er versucht, eine unmögliche Liebe möglich zu machen.“
Oder sie gibt einen Eindruck über das emotionale Thema der Geschichte wider: XY ist ein Film über die Lust zu Leben im Angesicht des Todes. Oder: XY ist ein Film über die Suche nach Anerkennung in einer unmenschlichen Welt voller Kälte.
Wie man sieht, ist die letztere Version weniger konkret, dafür kürzer. Das emotionale Thema der Geschichte ist manchmal aber gerade im Anfangsstadium einer Stoffentwicklung noch schwer festzulegen. Trotzdem ist es immer lohnend, sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen.
Zum Finden des emotionalen Themas eignen sich Gegensatzpaare wie „Liebe vs. Hass“, „Vertrauen vs. Verrat“, „Ordnung vs. Chaos“. Das emotionale Thema löst die emotionale Verbindung des Zusehers mit der Geschichte und den Figuren aus. Es ist für mich eines der mächtigsten dramaturgischen Werkzeuge, die es gibt.
Hat man es mit einem Episodenfilm zu tun, so ist ein klares emotionales Thema besonders wichtig, da sonst die Geschichte unweigerlich auseinander fällt.
Sollte beim mündlichen Pitch vom Gesprächspartner der berühmte Satz kommen „Und worum geht es bei der Geschichte eigentlich?” – zum Beispiel nachdem man sich im äußeren Plot verzettelt hat – ist es fast immer das emotionale Thema der Geschichte gefragt.
Aber Achtung: Bitte nicht irgendetwas hinschreiben, nur weil es gut klingt. „Ein Film über Liebe, Hoffnung und den Tod“ macht sich vielleicht auf den ersten Blick gut, aber es ist so unspezifisch, dass damit alles und nichts gemeint sein kann. Das Ergebnis ist Beliebigkeit, und das ist keine gute Ausgangsbasis für einen erfolgreichen Pitch.
Wichtig ist, dass die Synopsis auch das hält was die Logline verspricht. Das betrifft auch den Tonfall. Wenn mir jemand ein Drama mit deprimierendem Ende erzählt und dann anmerkt, dass es aber auf keinen Fall ein typischer österreichischer Feel Bad Film werden soll, stimmt etwas nicht. Und das merkt der Gesprächspartner und auch der Leser ganz bestimmt.
Also gilt auch hier: Wahrhaftig sein!
Die Synopsis spiegelt den Weg des Protagonisten wieder. Wenn der Pitch sehr kurz ist, konzentriert man sich dabei auf den roten Faden der Haupthandlung und wird auf alle Nebenhandlungen verzichten.
Schriftliche Synopsen sind oft bei plotlastigen Geschichten schwieriger zu formulieren, weil man vor lauter Plotpoints schnell in eine stilistisch grauenvolle „Und dann… Und dann…“ Erzählweise verfällt. Interessant ist es dann, sich den emotionalen Bogen der Figuren anzusehen, manchmal lässt sich darüber die Geschichte besser vermitteln
Die schriftliche Synopsis sollte auf jeden Fall auch den Tonfall des Films widerspiegeln. Und bitte nicht auf Absätze vergessen. In einem durchgeschriebene Synopsen in 9Punkt Schrift einzeilig fördern nicht gerade die Lesbarkeit.
Die schriftliche Synopsis hilft auch beim mündlichen Pitch, damit man nicht den Faden verliert.
Eine Sache, die man unbedingt wissen sollte, ist welches Ziel die Hauptfigur verfolgt und was die Hürden sind, die die Figur am Erreichen dieses Ziels hindern. Das klingt banal, das Wissen darum ist aber tatsächlich nicht immer der Fall.
Auch sehr leise, innerliche Filme mit wenig äußerem Plot haben meiner Erfahrung nach immer Figuren, die eine Bewegung auf etwas Bestimmtes hin vollziehen. Und sie haben immer einen Konflikt, und sei er noch so klein. Es gibt immer irgendetwas, das eine Figur aus der Ruhestellung heraus aus der Bahn werfen will, auch wenn sich die Figur dagegen wehrt in Bewegung zu geraten. Und genau das sollte man als Autor auch formulieren können.
Sollte eine Geschichte gar keine Bewegung und einen durchgehend passiven Protagonisten haben, dessen ereignislosen Alltag man beobachtet, wenn also wirklich gar nichts passiert, dann muss man sich sicherlich auf die Frage gefasst machen, warum man das als Kinofilm erzählen will. Denn die ProduzentInnen müssen sich fragen, mit welcher Verhandlungsstrategie man die Fördergelder lukriert und den Film vermarktet. Einige ProduzentInnen suchen vielleicht genau das. Aber viele werden skeptisch sein.
Fazit: Was ist der Ausgangspunkt der Figur, was ist ihr Konflikt, und wo steht die Figur am Ende? Je mehr man darüber weiß, umso besser wird man die Geschichte pitchen können.
Das klingt jetzt banal, aber: Ist klar, wer die Hauptfigur der Geschichte ist? Im Pitch muss man den Plot oft so komprimieren, dass diese banale Frage in der Kürze und Hitze des Gefechts oft schnell sehr relevant wird.
Im Pitch sollte eindeutig klar werden, wer die Hauptfigur ist, was diese Person (emotional) durch die Geschichte treibt, und – wichtig – weshalb es für mich interessant sein soll, dieser Figur zu folgen. Das heißt: Was erlebt die Figur, was machen diese Erlebisse mit ihr, und welche emotionale Geschichte erlebt sie (und ich mit ihr)?
Man muss im Pitch nicht zwingend Figurenbeschreibungen beifügen, denn die liest man ohnehin kaum und wenn erst nachdem man die Geschichte durchgelesen hat. Und im mündlichen Pitch gibt es das ja ohnehin nicht. Trotzdem ist es eine gute Übung, in einem Satz niederzuschreiben, was die Figur ausmacht. Und wie sie heißt und vor allem auch wie alt sie ist. Und für die Figuren eine Backstory parat zu haben ist auch nicht verkehrt.
Zu den Namen fällt mir noch etwas ein: Gerade bei sehr intellektuellen und künstlerischen Projekten fällt mir auf, dass die Figuren oft nur „Er“ und „Sie“ heißen, vor allem in Kurzfilmen. Intendiert wird damit oft eine Allgemeingültigkeit der Geschichte. Leider hat das aber meistens den gegenteiligen Effekt, denn fehlende Namen schaffen interessanterweise sehr viel Distanz. Diese Figuren scheinen oft keine echten Menschen zu sein, zu denen man eine emotionale Verbindung aufbauen kann. Ich rate daher immer, sich Namen zu überlegen, damit die abstrakten Figuren ein menschliches Gesicht bekommen.
Ein kleines, aber wichtiges Detail sind die Informationen zu Ort und Zeit. Denn daran sieht man sofort, wie aufwändig das Projekt ist. Wie viele Orte kommen vor? Und wann spielt es?
„Wien, heute“ bedeutet weniger Geld als „Wien, 1945“, oder als „New York, Wien, Athen; heute“. Achtung: Selbst Geschichten, die z.B. 1990 spielen sind bereits historische und damit aufwändige Filme. Jedes Auto das parkt, muss dann der Zeit entsprechen. Das geht schnell ins Geld und ist damit eine wichtige Information.
Wechselt eine Geschichte zwischen Zeitebenen und Orten, rate ich für den schriftlichen Pitch, für jeden Wechsel einen neuen Absatz zu beginnen, und vielleicht „Wien, 1959“ hinzuschreiben, und dann erst mit der Geschichte fortzufahren. Sonst wird es schnell verwirrend.
Jetzt passiert mir schon wieder ein Exkurs. Weil ich nämlich im letzten Pitching-Artikel das Thema „Originalität“ angesprochen habe.
Ich finde das ist ja so eine Sache mit der Originalität. Denn sie wabert in unser aller Köpfe als das Nonplusultra herum: Ist die Geschichte originell genug? Bin ich kein/e gute AutorIn, wenn ich nicht originell bin? Bin ich dann langweilig? Originell zu sein ist künstlerisch also völlig nachvollziehbar. Aber nicht immer ratsam.
Für mich ist das ist alles ein großes Missverständnis. Ich gehe nicht ins Kino und zahle 8 Euro 50 (und wenn man Kinder hat auch noch den Babysitter), damit mir die AutorInnen beweisen, was für unglaublich originelle Menschen sie sind. Ich will bloß eine spannende Geschichte mit vielschichtigen Figuren sehen, die mich in ihr Leben mitnehmen und mich zum Fühlen bringen. Und wenn Originalität das A und O von allem wäre, dürfte man ja keine Liebesgeschichten mehr erzählen, weil das ja schon tausendmal gemacht wurde. Und damit würde man sich ja um eines der schönsten Themen bringen, die man auf die Leinwand bringen kann.
Warum es außerdem wichtig ist, nicht nur durch umwerfende Originalität auffallen zu wollen: Wahrnehmung und Menschen funktionieren unter anderem nach Kategorisierungen. Das völlig Fremde schreckt ab, das Bekannte hingegen vermittelt Sicherheit. Und schon sind wir wieder beim Pitch, denn wir wollen die ProduzentInnen ja nicht erschrecken. Das heißt nicht dass diese zu wenig risikofreudig wären – sonst wären sie auf keinen Fall ProduzentInnen geworden (es ist ja wirtschaftlich gesehen eines der riskantesten Geschäfte die es gibt). Aber ein verantwortungsvoller Produzent muss sich die Frage nach Kosten und Gewinn stellen, er muss Kategorisieren und Einschätzungen vornehmen.
Will man also jemanden mit etwas Neuem, Ungewöhnlichen locken, sollte man an einem Punkt ansetzen, der den Menschen bereits bekannt ist. Ausgehend davon kann man dann das Neue entwickeln.
Beispiele dafür sind meiner Meinung nach folgende: Eternal Sunshine Of A Spotless Mind. Rückwärts erzählt, effekttechnisch hochanspruchsvoll. Aber im Grunde eine ganz klassische romantische Liebesgeschichte. Oder Being John Malkovich: Eine klassische Komödie über ein Beziehungsdreieck (bzw. –viereck).
Beim Fernsehen gilt das umso mehr, vor allem bei Serien. Interessant wird es dann, wenn man zwar die hundertste Krimiserie konzipiert, aber die eine Sache darin findet, die die Grenzen des Genres ein wenig ausdehnt und etwas Neues hinzufügt. Ein Beispiel ist der Pitch der akklamierten HBO Serie „The Wire“. Darin steht im ersten Absatz dass es eine klassische Cop-Dramaserie ist. Und dann wird beschrieben was der Twist ist und wieso es HBO kaufen soll. Hier kann man die Bibel von The Wire herunterladen (.pdf, 2,3 MB).