Danach geht es in Oberösterreich weiter: Ich halte am kommenden Mittwoch, 24.4. um 18h einen Vortrag zum Thema “Storytelling” an der FH Hagenberg in der Nähe von Linz. Diese Veranstaltung ist offen für alle interessierten Menschen, nicht nur für Studierende. Hier gibt es mehr Informationen.
Und am ersten Juni werde ich im Rahmen des Talent Campus beim Internationalen Filmfestival in Innsbruck einen Workshop zum Thema “Pitching” abhalten. Ich sollte vielleicht einen eigenen Abschnitt namens “Vorträge” in mein Angebot aufnehmen, das macht mir nämlich Spaß!
Ich nehme mal an, ich bin nicht die einzige, die sich zur Zeit den ZDF/ORF Dreiteiler UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER ansieht, oder? Teil 1 war am Sonntag, Teil 2 gestern, und Teil 3 wird am Mittwoch ausgestrahlt. Die ersten Serie kann man noch einige Tage in der ORF-Tvthek bzw. in der ZDF Mediathek ansehen.
Um es gleich vorweg zu schicken: Ich mag die Sendung. Ich finde die Dramaturgie klug (und ich weiß aus Erfahrung, wie schnell eine Ensemble-Erzählung zerfransen und langweilig werden kann), ich bin nah an den Figuren und gehe mit ihnen mit, auch wenn sie Dinge tun, die mich abstoßen. Ich mag die Kamera und den Schnitt. Und ich honoriere, dass das vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert wird, wo man sich oft mit weniger zufrieden gibt.
Auf der Podcast-Seite des Verbands deutscher DrehbuchautorInnen gibt es jetzt ein einstündiges Gespräch mit Stefan Kolditz, dem Drehbuchautor der Mini-Serie. Bemerkenswert finde ich die persönliche Verbundenheit der Beteiligten mit dem Thema. Offenbar ging das Projekt vor acht Jahren von Nico Hofmann aus, der einen Film über die Generation seines Vaters sehen wollte, der als junger Sodat an der Ostfront war, und Stefan Kolditz ging es genauso. Im Verlauf des Podcasts erfahren wir, dass auch der Kameramann David Slama eine Verbindung zum Thema hat – er ist um die 60, und sein Vater war Antifaschist in Tschechien.
Im Podcast geht es außerdem um den Stoffentwicklungsprozess, um Referenzen (BAND OF BROTHERS etc.), um die Überlegungen eine Rahmenhandlung zu machen (und wieso das zum Glück verworfen wurde), und – sehr interessant – um das Für und Wider der Verwendung von Voice Over.
Nicht direkt in dem Zusammenhang, aber doch irgendwie passend verweise ich außerdem auf den Nachkriegsspielfilm LORE von Cate Shortland, den ich auf der Berlinale gesehen habe, und der mich sehr beeindruckt hat. Aber darüber schreibe ich vielleicht noch einmal extra ein paar Zeilen.
NACHTRAG: Natürlich gibt es auch Menschen, die das Gezeigte (bzw. die Form und den speziellen Inhalt, nicht das Thema an sich, wenn cih das richtig vestehe) ablehnen, wie es hier Ekkehard Knörer im Cargo-Blog sehr vehement tut. Leider schreibt er in dem Artikel nichts Genaueres darüber, wie er das Thema gerne anders gesehen hätte. Das würde mich wirklich interessieren. Was wären die Alternativen zum “amerikanischen Teamworx Rotz 1:1 nach Schulbüchern”, wie sich die Haltung in dem Artikel zusammenfassen lässt? Oder soll man das Thema überhaupt nicht angreifen? (Ich meine diese Fragen nicht rethorisch oder ironisch, sondern ich suche wirklich nach Antworten. Und im übrigen schätze ich Cargo und Herrn Knörers Artikel, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit ihm bin.)
Ich werde immer wieder gefragt, wie man ein Konzept für eine Serie schreibt. Dabei geht es zwar auch um den Inhalt, aber viel mehr um die Form. Jetzt habe ich gerade gesehen, dass der Shop des Script Magazines ein “TV Pilot Kit” kostenlos zum Download anbietet. Es besteht aus vier kurzen Word-Dokumenten, die einige Fragen vorgeben, anhand derer man das am Anfang übliche Chaos etwas lichten kann, und zwar was das Konzept, die Outline des Piloten und die Beziehungen zwischen den Figuren betrifft.
Ansonsten wär zur Serienentwicklung viel zu sagen, aber das überlasse ich lieber den Feuilletons, die machen das ohnehin gerade ziemlich leidenschaftlich.
Mein persönliches Fazit der Feuilletondiskussion, wo immer steht dass in Amerika serienmäßig alles viel toller ist als bei uns: Es ist ja super, wenn wir alle die amerikanischen, großartig erzählten Serien gerne mögen, aber die Arbeitsbedingungen für AutorInnen, die Traditionen, die Sehgewohnheiten, die den ZuseherInnen über lange Zeit anerzogen wurden, und vor allem das Finanzierungssystem sind hier fundamental anders. Das sind für mich Fakten, die man gut oder schlecht finden kann, aber sie existieren nun mal. Wenn ich mich prinzipiell darauf einlasse, trotzdem Stoffentwicklung fürs Fernsehen zu machen, gibt es immer noch einigen kreativen Spielraum innerhalb des Systems. Wenn man unter den oben genannten momentanen Bedingungen prinzipiell aber nicht arbeiten kann oder möchte, wird es schwierig. (Ihr merkt, ich sehe das recht pragmatisch.)
Was ich aus der Praxis sagen kann (aber das kann in anderen TV Redaktionen anders sein als bei mir im aktuellen Fall):
Nachdem tolle Serien aus den USA bei uns in der Primetime oft nicht so gut laufen, bin ich sehr vorsichtig mit Pitches wie “Unsere Serie ist wie MODERN FAMILY meets SHAMELESS.” Diese amerikanischen Serienvorbilder haben oft einen Tonfall und Qualitäten, die uns StoffentwicklerInnen und AutorInnen vielleicht gut gefallen, die man in den Redaktionen dem breiten Publikum zur Primetime aber meistens nicht zutraut. Das verunsichert nur, deswegen würde ich es einfach weglassen. In Drehbuchmeetings frage ich dann lieber die RedakteurInnen persönlich ganz gezielt, ob sie sich vom Tonfall her eher etwas wie X oder Y vorstellen, um sicherzugehen, dass man am gleichen Strang zieht. Wenn das nicht der Fall ist, kann man die verschiedenen Vorstellungen gleich diskutieren. Sonst entwickelt man den Stoff aneinander vorbei und alle sind frustriert. Und das möchte man ja klarerweise nicht. (Notiz: Das hat nichts mit Anbiedern zu tun, sondern mit Frustreduktion. Die AutorInnen und ich verteidigen natürlich bestimmte Inhalte und können dann die RedakteurInnen auch oft überzeugen, aber wir sind hier beim Fernsehen, und das ist ein pragmatisches Gewerbe, wo es um Aufträge und Geld geht. Das sollte man immer im Auge behalten. Trotzdem kann man sehr viel Spaß haben, und ich mache meistens gute und kreative Erfahrungen.)
Auch wenn das Raster, das das oben verlinkte TV Pilot Kit vorgibt, sehr grob ist, finde ich es doch hilfreich, weil es einen zwingt, Fragen zu beantworten, ohne die man kein fundiertes Konzept schreiben kann. Ich erlebe es immer wieder, dass erst bei der dritten oder vierten Umarbeitung des Konzepts die elementaren Fragen gestellt werden, die einige Umwege verhindert hätten, wenn sie gleich am Anfang ins Spiel gekommen wären. Was sind die großen Hauptkonflikte der Figuren? Was ist der (emotionale) Kern der Serie, der sich über mehrere Staffeln halten kann? Welchem Schema folgt man in jeder Folge wieder (also bezüglich Aufbau, A-, B- und C-Plot; wer ist Hauptfigur (eine oder Ensemble); klassische wiederkehrende Schlusszene; wieviel wird horizontal erzählt, wieviel abgeschlossen etc.)? Wie soll der Look sein?
(No-)Newsflash: Rein horizontal erzählte Serien haben nach wie vor keine Chance am deutschsprachigen Markt. Auch wenn es kein Krankenhaus- oder Krimigenre ist, folgt man dem Schema “70% abgeschlossener “Fall”, 30% horizontal weitererzählte Storylines”. Die Horizontale sind die privaten Geschichten, der “Fall” ist auch beim Drama- oder Comedygenre existent. Der Satz, den ich immer wieder höre, ist “Man sol auch noch mitkommen, wenn man zwei Wochen nicht eingeschaltet hat”. Für alle, die das blöd finden: Such is tv life, honey.
Kleiner Pro-Tipp am Ende: Liebe AutorInnen, bitte schreibt bei den Besprechungen mit der Redaktion ein Protokoll mit allen Entscheidungen, die bezüglich der Figuren, Inhalt, Aufbau, Tonfall – also einfach allem – in der Besprechung getroffen werden. Dieses Protokoll lasst ihr dann von ProduzentIn und DramaturgIn (bzw. wer sonst noch produktionsseitig anwesend war) absegnen, und die ProduzentIn schickt das dann mit der Bitte um Bestätigung kurz nach der Besprechung an die Redaktion. Wenn dann nämlich das übliche passiert, sprich: Es hieß “auf keinen Fall Cliffhanger!!”, und bei der nächsten Besprechung wird man gefragt, wo denn nun die Cliffhanger wären, dann hat man die vereinbarten Veränderungen schwarz auf weiß und kann anders argumentieren.
(Ach, es gäbe noch viel zum Thema Serienentwicklung zu sagen, z.B. wie man jetzt ein Konzept im Detail aufbauen kann, aber heute ist Sonntag und ich muss jetzt ein Nickerchen machen, weil heute Nacht sind nämlich die Oscars. Und die werden bei mir traditioneller weise live angeschaut. Aber das wisst ihr ja wahrscheinlich.)
Der Film TALEA von Katharina Mückstein, den ich dramaturgisch begleitet habe, hat in Saarbrücken beim Max Ophüls Preis den Preis der saarländischen Ministerpräsidentin verliehen bekommen. Ich freue mich sehr darüber, Gratulation an Katharina, das großartige Team und den tollen Cast!
(Achtung, das wird jetzt lang, holt euch besser mal eine Tasse Kaffee oder Tee. Aber ich habe da ein Anliegen…)
Wahrscheinlich ist es euch nicht entgangen, dass in den letzten Tagen hierzulande eine Debatte über Sexismus geführt wurde. Auslöser dafür war ein Twitterdialog über erlebten Alltagssexismus zwischen Anne Wizorek und Nicole von Horst, dem tausende Tweets mit Kurzberichten über ähnliche Erlebnisse folgten, die man unter dem Hashtag #aufschrei auf Twitter finden kann.
Es folgten zahlreiche Reaktionen, zustimmende und abwehrende; von Frauen und Männern, die sagten „wer sich nicht wehren kann, ist selber schuld“, bis zu Frauen und Männern, die selbst betroffen waren oder eben auch nicht, und die realisierten, dass hier Dinge geschehen, die ihnen vielleicht nicht passieren, aber von denen sie nicht wussten, wie massiv sie vorhanden sind, und die darüber bestürzt waren.
Aber warum schreibe ich hier im Scriptalicious-Blog darüber? Weil es mir um einen weiteren Aspekt geht. Also, eigentlich um zwei Aspekte. Der eine ist der, wie man mit sexistischen Handlungen im Berufsalltag umgeht. Der andere ist der, wie wir als AutorInnen, DramaturgInnen, RedakteurInnen möglicherweise sexistische Szenen in Drehbüchern zulassen, ohne dass wir es merken bzw. wie wir damit umgehen.
Zu Nummer eins halte ich mich kurz und erwähne einige Beispiele, die mir in den letzten Jahren passiert sind:
Der Regisseur, der auf einer Filmparty einen Witz erzählt, dessen Pointe darin mündet, den neben ihm stehenden Frauen auf den Busen zu greifen.
Der Visual Consultant, der gegen Ende der Besprechung zu mir völlig aus dem Nichts heraus sagt „You need a boyfriend“, offenbar weil er findet, dass ich mich für seinen Geschmack in der Besprechung zu ernst verhalten hätte.
Der Autor, der sich im Besprechungsraum umschaut, mich da sitzen sieht und sagt „Ich setz mich neben das Mädel“ (ihm war meine Position als Dramaturgin bekannt, ich trug kein Kleidchen, sondern schwarze Hosen, eine schwarze Bluse, eine schwarze Brille und war zu dem Zeitpunkt über 30 Jahre alt. Er hat mich dann die ganze Besprechung hindurch ignoriert.)
Der Produzent, der neben mir steht und zur Sekretärin „Mausi“ sagt und sich über ihre Urlaubspläne lustig macht.
Und so weiter, und so fort.
Leider muss ich gestehen, das ich meistens entweder zu baff bin um schlagfertig zu reagieren, oder dass ich nicht weiß, wie die angemessene Reaktion ist, wenn jemand neben mir steht und sich gegenüber einer anderen Person sexistisch verhält. In beruflichen Situationen geht es nun mal auch um Diplomatie, und ich finde ich legitim, dass ich kurz nachdenke, welche Konsequenzen es hat, z.B. einen Auftrag zu verlieren, wenn ich mich hart und sehr deutlich wehre und jemanden vor den Kopf stoße (selbst wenn es die einzige angemessene Reaktion wäre). Ich bin noch immer dabei, hier Lösungen für mich zu finden.
Das zeigt aber auch sehr gut, worum es bei Alltagssexismus wirklich geht, und wieso die Aktion #aufschrei für mich so wichtig ist: Es geht fast nie um bloße Befindlichkeiten, nicht um kleine Scherze, die man so oder so auslegen kann, sondern es geht meiner Erfahrung nach immer um Machtdemonstrationen, ob bewusst oder unbewusst. Das ist der Subtext, der in den Fällen, die ich als sexistisch empfinde, darunterliegt. Und das macht es für mich noch unangenehmer als es ohnehin schon ist.
Klar gibt es jetzt Männer, die sich aufregen: Man dürfe ja gar keine Komplimente mehr machen, die Frauen sollen sich nicht unnötig aufregen etc.pp.
Kleiner Tipp: Überlegt mal ehrlich(!), wie ihr reagieren würdet, wenn das, worum es gerade geht (hinterherpfeifen, zweideutige Bemerkung machen, ein fragwürdiges Kompliment machen, Kosenamen geben, unaufgefordert ein Urteil darüber abgeben, ob die Frau es nicht doch nötig hat gefickt zu werden etc.) ein (fremder) Mann bei eurer Frau/Schwester/Tochter/Mutter machen würde. Würdet ihr das als lustig/nicht der Rede wert/ein kleines Missverständnis abtun? Soviel dazu.
Das wäre also Punkt eins.
Jetzt zu Punkt zwei, und da kann ich konkreter werden:
Unser Job ist es, Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten bilden mal mehr, aber oft weniger die Realität ab, bzw. schaffen sie oft eine Wunschrealität, die sich besonders in der Beschreibung von Beziehungen an Klischees hält und dadurch gesellschaftliche Ideologien zementiert, anstatt sie herauszufordern. Das ist meiner Erfahrung nach einfach Usus bei einem gros der deutschsprachigen TV-Produktionen.
Und ich gebe es selbst zu – der Großteil der Projekte, bei denen ich Dramaturgie gemacht habe, fällt durch den Bechdel-Test (Fußnote: Ich habe hier schon mal über den Bechdel-Test geschrieben). Und ich war schon öfters in Situationen, wo ich eine andere Perspektive eingefordert habe, mich aber letztlich einfach nicht durchsetzen konnte.
Wäre ich konsequent, würde ich nur die Projekte annehmen, die dem Bechdel-Test standhalten, aus allen anderen aussteigen, und mein Geld anderswo verdienen. Aber ich mag meinen Beruf nach zehn Jahren immer noch so gerne, dass ich ihn nicht eintauschen will.
Was kann ich trotzdem tun? Ich fordere zum Beispiel oft starke (oder stärkere) Frauenfiguren ein. Ich hinterfrage, wieso es in einer Geschichte nur eine Frau mit wenig Szenen gibt, aber fünf Männer, die dauernd etwas zu sagen haben. (Manchmal ist es richtig so, manchmal eben aber nicht und man kann etwas viel Interessanteres erzählen, wenn man es ändert.) Ich versuche dabei immer aus der Geschichte und aus den Figuren heraus zu argumentieren.
Ein Beispiel, wo es mir leider nicht gelungen ist:
Wir haben eine Geschichte mit einer starke junge weibliche Nebenfigur. Sie ist als junge Frau eingeführt, die weiß was sie will, schlagfertig ist und sich durchsetzen kann. Dann kommt eine Szene, in der sie mit einem jungen Mann, der ihr sehr gefällt, im Auto über eine kurvige Küstenstraße fährt. Es schaut sie an und sagt mit einem anzüglichen Unterton „Aber deine Kurven sind noch viel schöner als die hier.“ Sie findet das Kompliment offenbar gut, weil sie im Dialog und auch danach nichts antwortet und nicht reagiert (außer dass es ihr nonverbal gefällt).
Für mich war die Nicht-Reaktion der jungen Frau völlig „out of character“ – so wie die Figur angelegt war, hätte sie auf so einen Satz etwas Schlagfertiges geantwortet, die Situation umgedreht… was auch immer, aber sie hätte sicher nicht anhimmelnd geschwiegen.
Das habe ich auch in der schriftlichen Drehbuchanalyse so argumentiert. Woraufhin ich vom Regisseur zu hören bekam, dass die Frauen, die er kenne – und das wären sehr viele – vor ihm auf Knien rutschen würden, wenn er ihnen so ein Kompliment machen würde. (Ich wusste nicht, was ich darauf noch antworten sollte und hielt mich fürderhin von der Gegenwart dieses Menschen fern.)
Anderes Beispiel, anderes Drehbuch:
Wieder eine Dialogszene im Auto; der Mann signalisiert der Frau sehr direkt, dass er findet, dass sie wieder mal gevögelt werden soll, weil Frauen die Sex haben entspannter seien. Aber sie ist schlagfertig und macht ihn sofort auf, sie weiß die Situation umzudrehen, und die Szene hält eine großartige Balance zwischen Konflikt, Humor und vor allem Status der beiden Figuren, der immer wieder kippt.
Nie im Leben würde ich auf diese Szene verzichten wollen. Der Autor weiß hier, wie er zwei starke Figuren aufeinanderprallen lässt, wie er deren Status in der Szene führt, sodass keiner gedemütigt wird, sondern man Spaß am Schlagabtausch hat, und wie er das ganze noch dazu mit einer Prise Humor hinbekommt, ohne jemals respektlos oder „schmierig“ zu sein.
Wie immer kommt es also auf den Kontext an, und da sind wir gefragt: Wir müssen lernen zu erkennen, wo tradierte Muster zementiert werden, und wie sie aufgebrochen werden können. Nichts wäre schlimmer als jeden Dialog über Sex, jeder zweideutige Kompliment zwischen Figuren zu zensieren.
Aber mir ist es wichtig, dass wir sehr genau hinschauen, wie Männer mit Frauen (und auch Männer mit Männern, und Frauen mit Frauen) in unseren Geschichten agieren. Denn auch wenn wir sagen „Das ist ja nur Fiktion“, senden wir Bilder aus, die beim Zuseher etwas auslösen – genaugenommen wollen wir ja immer etwas auslösen, sonst haben wir unseren Job nicht gut gemacht.
Einges kann man auch ändern, wenn man mitten im System steckt. Ich hinterfrage oft Figuren sehr genau, ich lege sie sozusagen auf die Therapiecouch, da erzählen die einem ja oft die spannendsten Dinge. Denn nicht für jede weibliche Hauptfigur ist der Hafen der Ehe das ultimative Glück, auch wenn das die Reißbrettformeln vieler TV Movies (und auch immer noch die Redaktionen dahinter) annehmen. Und nicht jeder Mann will der starke Macker mit Bilderbuchkarriere sein.
Die Antwort auf die Frage, was die Figuren wirklich im Innersten antreibt, wovon sie heimlich träumen, was sie glauben kompensieren zu müssen, die bringt uns nicht nur zu individuelleren, realistischeren Figuren (also zu Menschen anstelle von klischierten Typen), sondern die verhindert auch oft sexistische Handlungen in den Geschichten. Und wenn es doch einmal vorkommt, kann man wunderbar damit spielen, indem man es benutzt, um zu zeigen, wie man darauf regieren kann. Oder auch wie schwer es ist zu reagieren, auch wenn es einen verletzt. Oder wie es ist, wenn das Gegenüber einmal ein „Nein“ als „Nein“ akzeptiert – oder eben wieder einmal nicht.
Denn das, was wir schreiben/lektorieren/inszenieren, hat unweigerlich eine Botschaft. Und die Botschaft hat es auch auf Kinder und Jugendliche, die die Filme sehen oder die Videogames spielen oder die Musikvideos anschauen.
Deswegen möchte ich euch zum Schluss bitten, euch 12 Minuten Zeit zu nehmen, um euch diesen TED Talk mit Colin Stokes anzuschauen. Es geht unter anderem darum, wie Bilder z.B. von Maskulinität in Filmen und Videospielen die Definition von „Männlichkeit“ beeinflussen, und wie das mit den Statistiken über Sexismus in Amerika zusammenhängt.
Unterzieht eure Drehbücher dem Bechdel-Test. Lasst sie von Leuten lesen, von denen ihr wisst, dass sie genau hinschauen und ein gutes Gespür dafür haben, wie Menschen interagieren. Lasst die Geschichte, die ihr schreibt/lest/betreut auch von Menschen lesen, die nicht euer Geschlecht haben (bei manchen Dingen ticken Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich). Hinterfragt eure Figuren, ihre Handlungen, ihre Motivationen. Und eure Motivationen gleich mit, es ist nie falsch, mehr über sich selbst zu erfahren.
Ich selber scheitere zu oft am Zeitdruck, oder daran, dass ich nicht gehört werden kann, weil das System nicht so funktioniert, oder an den ganzen anderen Zwängen, denen Filmproduktionen nunmal unterliegen. Aber grundsätzlich sollte das alles selbstverständlich zum guten Drehbuchhandwerk gehören, finde ich. Also, lasst es uns zumindest immer wieder versuchen.
Ich erhoffe mir dadurch nicht nur ein weniger sexistisches Menschenbild in den Filmen, die wir machen, sondern interessantere, tiefergehende Konflikte und differenziertere Erzählungen. Und das lohnt sich immer, auch wenn man dafür ein wenig kämpfen muss.
Die Plattform Flimmit gibt es ja schon länger, und ich habe ihr Entstehen immer wieder verfolgt, weil ich das Gründungsteam kenne. Aber ich muss gestehen, dass ich das Angebot noch nie genutzt habe – wenn ich Filme kaufe, dann meistens auf DVD (wegen der Extras). Und die Sachen, die mich zum Streamen interessieren würden, die gibt es ohnehin nicht legal (US- und UK-Serien sehr zeitnah zur amerikanischen/britischen Ausstrahlung zum Beispiel, aber das ist einen eigenen Artikel wert).
Jetzt gibt es auf flimmit aber ein Angebot, das mich interessiert hat, und zwar das Streams Festival: 14 europäische Filme zum Preis von nur 19,90 €. Ab Datum des Kaufs kann man die Filme 30 Tage streamen und innerhalb der Zeit auch mehrmals anschauen.
Von den 14 Filmen desPakets kannte ich die beiden österreichischen schon, und 4 weitere habe ich bereits angeschaut. Zwei waren recht gut, und zwei weitere sehr gut. Das ist um den geringen Preis ein sehr guter Schnitt, und ich habe ja noch 8 Filme vor mir, von denen viele wirklich interessant klingen.
Das Angebot gilt aber nur mehr bis 31.12. (die Filme kann man aber trotzdem 30 Tage anschauen, auch wenn man sie jetzt erst kauft). Ich lege euch das wirklich ans Herz, denn mir fällt gerade kein unkomplizierterer Weg ein, sich das europäische Kinogeschehen so billig ins Wohnzimmer zu holen.
Ich werde in den nächsten Tagen die Kritiken zu den Filmen posten, die ich gesehen habe.
Disclaimer: Ich kenne wie gesagt die Menschen hinter Flimmit, habe aber für den Festivalpass regulär bezahlt. Das hier ist also eine Werbung, die von Herzen kommt und sich nicht von Flimmit erkauft wurde.
Jetzt sind mir gerade beim Aufräumen die Viennale-Tickets vom Oktober/November in die Hände gefallen, und ich habe mich erinnert, dass ich damals mittendrin mit den Filmkritikenschreiben hier im Blog aufgehört habe.
Denn offenbar gibt es eine eiserne Regel, und die geht so: Ein paar Tage nach Beginn der Viennale kommen auf einmal alle umgearbeiteten Drehbuchfassungen gleichzeitig auf den Tisch (in Worten: gleich-zeit-ig), ergo Superstress, und das wars dann mit dem Fimkritikenschreiben. So einfach ist das.
Aber ein paar Filme haben sich so festgehakt, dass ich doch noch darüber berichten muss.
MEINE KEINE FAMILIE ist eine der beste Dokumentationen, die ich in letzter Zeit gsehen habe. Der Filmemacher Paul-Julien Robert erforscht gemeinsam mit seiner Mutter und Freunden von früher seine Kindheit in der Kommune von Otto Mühl am Friedrichshof (hier gibt es Basisinformationen darüber). Das besondere daran ist, dass man originales Filmmaterial aus den 1980ern sieht, auf denen der (Therapie-)Alltag am Friedrichshof zu sehen ist.
Meine keine Familie
Lange wird nur darüber gesprochen – über die Traumata, das autoritäre Verhalten Mühls in der Kommune, die “Therapien”, und dann, am Ende, sieht man es plötzlich in bewegten Bildern, und es ist noch schlimmer als ich es mir vorgestellt habe. Mich hat der Film sehr berührt, und auch wütend gemacht, weil das noch immer ein kaum aufgearbeitetes Kapitel der österreichischen Geschichte ist, in dem es Opfer gibt, über die viel zu wenig gesprochen wird.
Und es geht natürlich um die Definition von Familie. Der Filmemacher hatte keine im herkömmlichen Sinn, da die Kinder in der Kommune von allen erzogen wurden und sehr lange nicht einmal klar war, wer die biologischen Väter waren. Einer der Männer sagt später im Film, dass das ja im Grunde angenehm war, weil keiner der potentiellen Väter Verantwortung für ein Kind übernehmen musste. Aber die Spuren, die das bei den Kindern hinterlassen hat, die sieht man hier sehr deutlich.
MEINE KEINE FAMILIE ist ein wichtiges Dokument für die österreichische Zeitgeschichte. Und ein sehr berührender Film über die Sehnsucht nach Familie und gescheiterten Utopien, den ich allen dringend ans Herz legen möchte. Es war für mich der beste Film, den ich auf dieser Viennale gesehen habe. (Hier ist ein Interview mit dem Filmemacher.)
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Und jetzt im Schnelldurchlauf:
Camille Redouble
CAMILLE RDOUBLE war die einzige Komödie, die ich gesehen habe. Das sagt ja, wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf, auch etwas über die Programmierung des Festivals aus; aber das ist eine andere Geschichte. Ich fand den Film sehr charmant, vor allem wegen der Schauspielerin Noemie Lvovsky, die auch Regie und Buch beigesteuert hat. Camille ist auf unerklärliche Weise plötzlich wieder jung (auch wenn sie so alt aussieht wie in der Rahmenhandlung) und geht zur Schule. Ein Klassiker (quasi Bodyswitch), aber eben mit viel Charme und Originalität umgesetzt. (Was haben wir in den 1980ern für furchtbare Kleidung getragen – auch so ein Nebeneffekt des Films, dass man sich das wieder mal vor Augen führt.)
Von MARGARET haben alle geschwärmt, ich wusste um siene lange Entstehungsgeschichte (juristische Streitereien etc.), aber dann hat es mich doch nicht so vom Hocker gerissen. Obwohl die Besetzung sehr gut ist: Anna Paquin und Mark Ruffalo. Mir hat die Figur, die Anna Paquin verkörpert, gut gefallen: Immer ein wenig zu dramatisch, hat sie mich im unklaren gelassen, was ihrer fantasie und was der Realität entsprungen ist. Was gut zur Geschichte passt. Aber irgendwas hat mir dann doch gefehlt. Wenn ich mich richtig erinnere, war mir der Film zu lang, und da war noch etwas Irritierendes, das mir aber leider inzwischen entfallen ist.
DER GLANZ DES TAGES ist der zweite Film von Tizza Covi und Reiner Frimmel, und ich mochte ja den ersten schon sehr gerne (LA PIVELLINA). Hier geht es um zwei Menschen, die sich selber spielen. Der Schauspieler Philip Hochmair trifft seinen (fiktiven) Onkel Walter Saabel, einen ehemaligen Artisten und Bärenringer (ein schönes Wort, nicht wahr?). Walter hat eine lange unterdrückte Sehnsucht nach dem Meer, nach der großen weiten Welt, die er berufsbedingt nicht ausleben konnte, und die sich jetzt in Hamburg wieder auftut. Philipp hat keine so große Sehnsucht. Wohl gibt es Andeutungen über Konflikte mit dem Vater und so weiter, aber ich fand es schade, dass seine Figur nicht mehr “Fleisch” hatte. Deswegen hat mich DER GLANZ DES TAGES auch nur so halb berührt zurückgelassen.
Und dann war da noch INORI, eine Meditation (normalerweise meide ich ja Filme, bei denen sich dieses Wort in der Beschreibung aufdrängt) über das Leben und vor allem auch das Sterben in einem kleinen japanischen Dorf, das mittlerweile beinahe unbewohnt ist. Ohne Kommentare, in langen Einstellungen beobachtet man Menschen in ihrem Alltag, der jeglicher Jugend beraubt ist, weil die Jüngeren und ganz Jungen schon alle mangels Perspektiven weggezogen sind. Eine sehr schöne Elegie.
Das alte Jahr geht zu Ende, und das neue wartet mit vielen aufregenden Projekten. Wer mit mir auf 2012 zurück und auf 2013 in die Zukunft blicken möchte, kann das in hier tun. Bis es aber mit dem funkelnagelneuen Jahr soweit ist, mache ich Winterpause. Ab 7.1.2013 ist Scriptalicious wieder erreichbar und ich freue mich auf spannende Drehbücher!
Inzwischen wünsche ich allen Freundinnen und Freunden von Scriptalicious schöne Festtage und einen funky Start ins neue Jahr!
Der Weltuntergang hat nicht stattgefunden, daher lohnt es sich auf ein erfolgreiches 2012 zurück zu blicken und gleichzeitig einen Blick in die Zukunft zu werfen. Die wird nämlich ziemlich aufregend!
// Der Spielfilm TALEA von Katharina Mückstein wird Ende Januar 2013 beim Max Ophüls Preis Filmfestival im Hauptwettbewerb seine Weltpremiere feiern. Ich freue mich sehr, als Dramaturgin dabei zu sein. Wer ebenfalls in Saarbrücken ist und mit mir dort Kaffeetrinken möchte, kann mich hier kontaktieren.
// Am 24.1.2013 wird der Fernsehfilm MEINE SCHWESTER in der ARD Premiere haben (Drehbuch: Sascha Bigler, Axel Götz; Regie: Sascha Bigler). Es spielen u.a. Christiane und Maresa Hörbiger. Außerdem gibt es 2013 u.a. die Erstausstrahlung von TOD IN DEN BERGEN (Buch: Maja und Wolfgang Brandstetter, Regie: Nils Willbrandt).
// DER STILLE BERG von Ernst Gossner befindet sich in Postproduktion und wird 2013 seine Kinopremiere haben. Bis es etwas anzuschauen gibt – ich bin selbst schon ganz ungeduldig – kann man sich hier auf der Facebookseite ein paar Fotos der Dreharbeiten ansehen: https://www.facebook.com/DerStilleBerg/photos_stream
// Zudem freut es mich sehr, dass der Film DIE WERKSTÜRMER (Buch und Regie: Andreas Schmied), bei dessen drehbuchtechnischer Geburt ich über das Stoffentwicklungsprogramm ScriptLAB (Drehbuchforum Wien) als Dramaturgin dabei war, bereits in der Postproduktion ist und es nun einen ersten Teaser gibt. Der Filmstart ist für den Sommer 2013 geplant.
Aber auch 2012 war für Scriptalicious ein spannendes Jahr, in dem viel passiert ist:
// Es gab einen Gang über den roten Teppich bei den Filmfestspielen von Venedig, wo der Film THE FIFTH SEASON von Peter Brosens und Jessica Woodworth seine Weltpremiere feierte. Hier gibt es ein Video davon, und hier ist die Homepage zum Film.
// Der Kurzfilm VOID von Stefan Lukacs hatte im Rahmen des Filmfestivals This Human World Premiere. Der Film verarbeitet narrativ die wahre Geschichte der Folter des Asylwerbers Bakary J. durch österreichische Polizeibeamte. Nach der Premiere löste der Film intensive Diskussionen aus, die unter anderem dazu führten, dass der Kurzfilm nun in Österreich in der Polizeiausbildung gezeigt werden soll. Hier ein Artikel aus Der Standard.
// Mehrere Fernsehfilme hatten 2012 Erstausstrahlung, u.a.:
BLUTADLER (Buch: Daniel Martin Eckhart, Regie: Nils Willbrandt) ist nach Wolfsfährte die zweite Folge aus der Reihe der Jan Fabel Krimis (nach einer Romanvorlage von Craig Russell). Hier ist der Trailer.
TRAU NIEMALS DEINER FRAU (Buch: Detlef Michel, Regie: Lars Becker), eine Komödie mit Harald Krassnitzer und Lisa Maria Pothoff, wurde vor wenigen Tagen im ZDF erstmals ausgestrahlt. Wer ihn versäumt hat: Der Film ist noch einige Tage in der ZDF Mediathek zu sehen!
Danke nochmals an alle großartigen Menschen, mit denen ich dieses Jahr zusammenarbeiten durfte. Ich freue mich schon sehr auf alles, was nächstes Jahr kommt.
Ich gestehe, dass ich die Arbeiten von Kurdwin Ayub bisher nicht kannte. Dafür hatte ich gestern die Chance, gleich mehrere Kurzfilme von ihr zu sehen. Und während ich da manchmal kurz zwischen den Bilder etwas ganz Großes gespürt habe (u.a. über Rollenklischees und Erwartungen und das Spiel mit der Naivität, besonders hängengeblieben ist mir dabei der Film mit dem Brautkleid), so muss ich doch zugeben, dass sich mir einiges nicht erschlossen hat, vor allem die Familienurlaubsvideos, bei denen ich zwar auch etwas erahnen konnte, aber offenbar für mich nicht genug. Deswegen kann ich hier auch gar nicht so viel dazu schreiben.
Aber über eine Sache will ich noch berichten: Beim Publikumsgespräch war die erste Frage der Moderatorin die, dass einige Arbeiten ja Teil einer Reihe sind, die von der Künstlerin “Vaginale” genannt wird, und die Frage wäre nun, ob bzw. wie diese sexuelle Referenz auf eine feministische Haltung verweisen würde. Woraufhin Kurdwin Ayub meint, dass sie oft zum Diagonale Filmfestival fährt, und dort bekommt man ja immer diese roten Notizbücher, auf denen ganz groß “Diagonale” draufsteht, und sie zeichnet dann immer darauf herum, so dass dort “Anale” steht, oder “Kurdwinale”, oder eben auch “Vaginale”. Und letzteres habe sie so lustig gefunden, dass es zum Reihentitel wurde. So klug hat sich schon lange keine/r mehr einer analytischen Feminismuszuweisung entzogen. Chapeau! (Leider musste ich dann gleich zum nächsten Film, aber wenn das Publikumsgespräch so weitergegangen ist, wäre ich sehr gern dabeigewesen.)