Ich sehe unabsichtlich schon wieder einen Film von Ben Rivers. Und dieses Mal gefällt er mir richtig gut, nachdem ich die beiden davorrelativ gut gefunden habe.
In TWO YEARS AT SEA lernen wir einen Mann kennen der sehr “entrisch” lebt, wie wir hier in Österreich sagen würden. Er ist der einzige Mensch den wir in den ganzen 86 Minuten zu sehen bekommen. Der einzige Hinweis auf Kontakt zur Außenwelt sind Fotos, die einzelne Sequenzen voneinander trennen. Im Laufe der Zeit entsteht durch die körnigen Schwarzweißbilder eine Stimmung wie in einem zeitlosen postapokalyptischen Szenario, in dem der letzte Mensch auf Erden mit einer beneidenswerten Bestimmtheit vor sich hin wurschtelt, dabei surreale Dinge tut und immer wieder unabsichtlich in eine Poesie abgleitet.
Ich mochte den Film wirklich gerne, auch wenn er langsam ist und oft nichts passiert. Aber ich glaube meine Affinität zu Ben Rivers’ Filmen hat noch einen anderen Grund: Er schafft es reale Situationen ins Zeitlose zu transferieren und dem Alltäglichen eine Magie einzuhauchen. Plötzlich befindet man sich nicht mehr in einer Fabrik oder in einem abgelegenen Gebäude am Land, sondern in einer Parallelwelt mit ganz eigenen Ritualen die auch hundert Jahre in der Zukunft oder in der Vergangenheit sein könnte. Und das ist ein Thema das mich persönlich schon lange umtreibt – dass sich das Menschsein über Jahrtausende kaum geändert hat, ganz tief drinnen. Das Äußere sieht anders aus, das Innere ist identisch. Ben Rivers rückt das in die Sichtbarkeit, und das gefällt mir ausgesprochen gut.
STILLLEBEN packt ein schweres Thema an. Es geht um Missbrauchsgedanken eines Vaters und die in Hilflosigkeit zerfallende Familie nachdem diese Gedanken ans Licht kommen. Mit den schweren Themen ist STILLLEBEN in guter österreichischer Filmgesellschaft, nachdem kürzlich MICHAEL und ATMEN angelaufen sind.
Und auch dieser Film beobachtet mit wenigen Erklärungen die Abgründen der handelnden Figuren. Und er findet zu einem überraschenden Finale, das mir sehr gut gefallen hat. (Was das ist erzähle ich hier nicht, ich will nicht spoilen.)
Trotzdem konnte mich der Film dann doch nicht so restlos überzeugen, aber die Gründe dafür sind persönliche Geschmacksfragen. Ich will im Kino meistens emotional mitleben. Die Strategie des beobachtenden Erzählens, die gerade im österreichischen Arthousekino oft vorkommt (und ich denke auch in der sogenannten Berliner Schule, von der ich aber schlichtweg zu wenig Filme kenne weil die hier in Österreich of gar nicht anlaufen), das beobachtende Erzäheln also lässt mich und meine Kinobedürfnisse oft zu sehr außen vor. Und auch bei STILLLEBEN hatte ich manchmal Schwierigkeiten die Figuren nachzuvollziehen, weil ich zu sehr auf Distanz geblieben bin.
Ein anderer Grund mag darin liegen, dass der Film sehr stark sein Anliegen vertritt, nämlich die Frage wie man mit Menschen mit pädophilen Gedanken umgeht die aber noch nicht zu Tätern wurden, aber potentiell welche sind. Wie frei dürfen Gedanken sein? Wie gehen Angehörige damit um? Welche Handhabe hat man gegen ein Verbrechen das noch nicht begangen wurde? Ich finde das sehr spannend, weil ich es bis dato so noch in keinem Film gesehen habe. Hier hatte ich aber ab und an das Gefühl dass sich teilweise das Anliegen unabsichtlich stärker in den Vordergrund gedrängt hat als die Geschichte und die Komplexität der Figuren. Aber wie gesagt, das sind persönliche Geschmacksfragen und die ändern nichts daran dass das Thema an sich spannend und der Schluss sehr gut gelöst ist.
Disclaimer: Ich hatte einmal das Treatment des Autors Thomas Reider auf meinem Tisch, aber das ist mehr als fünf Jahre her und die Geschichte war damals noch sehr anders (und die Zusammenarbeit zwar wegen der Rahmenbedingungen kurz, aber schön). Deswegen habe ich diesen Disclaimer auch nicht oben vor meine Gedanken zum fertigen Film hingeschrieben. Aber gesagt haben wollte ich es doch.
Die Filmemacherin Marie Losier sagt am Anfang dass sie eigentlich einen Musikfilm machen wollte aber dass es dann sieben Jahre dauerte bis der Film fertig wurde, und am Ende ging es um die Geschichte einer großen Liebe – eben THE BALLAD OF GENESIS AND LADY JAYE.
Ich kenne mich ja mit Musik nicht aus und weder Genesis P. Orridge noch Psychic TV sagten mir vor diesem Film etwas. Deswegen war ich dann doch ganz froh dass die Dokumentation über gewisse Strecken die (Musik-) Geschichte der Industrial-Szene streift. Im Mittelpunkt steht aber Genesis P. Orridge, und zwar eher die Privatperson, die unter anderem im Archiv im Keller seines Hauses herumalbert und Verstecken spielt oder erzählt dass er zum Abwaschen gern Spitzenunterwäsche und Makeup trägt.
Und natürlich wird wie angekündigt die Liebe zwischen Genesis und Lady Jaye erzählt, von ihrem Kennenlernen in einem Dominastudio über das Zusammenziehen bis zum gemeinsamen Performen. Genesis erzählt dass die beiden keine gemeinsamen Kinder haben sondern das Geld in Schönheits-OPs investieren um sich ähnlicher zu schauen. Das Leben und die Liebe als chronisches Kunstprojekt. Dass dieses Konzept kein bloßer flüchtiger Gedanke ist wird spätestens am Schluss klar als Jaye gestorben ist und man eine Großaufnahme von Genesis’ Gesicht sieht, in dem eben durch die Operationen einiges von Lady Jaye über ihren Tod hinaus erhalten bleibt. Dieser beiläufige Moment hat sich bei mir eingeprägt.
Was ich etwas schade fand war dass Lady Jaye in dem Film kaum eine Rolle spielte. Man sah sie zwischendurch, man sah die beiden gemeinsam, aber ihre Seite der großen Liebe blieb letztlich ausgespart. Klar ist Genesis P. Orridge fürs Marketing das Zugpferd, und man weiß auch nicht ob es nicht Gründe dafür gab, vielleicht wollte sie ja bewusst Genesis das Feld überlassen. Aber ich hätte trotzdem gern mehr von Lady Jaye gesehen.
Auf dem Programm stehen zwei Filme des britischen Filmemachers Ben Rivers (von dem ich später noch einen weiteren Filma uf dem Programm habe).
SACK BARROW ist die Beobachtung einer Fabrik in der etwas hergestellt wird das man nicht erkennen kann. Es wird galvanisiert, Metall in Chemie getaucht, es dampft, die Maschinen arbeiten, und die arbeitenden Menschen singen ab und zu aus dem Radio mit. Dazwischen sieht man immer wieder Centerfolds mit Bikinimädchen. Die altmodische Fabrik ist das Gegenteil von klinisch sauber und hat etwas von einer Hexenküche, sie trägt ein Geheimnis in sich. Und die Bilder mit denen Ben Rivers diesen Mikrokosmos abbildet sind satt, farbenprächtig und trotzdem mysteriös. Ein zwar esoterisches (also jetzt im Sinn von “nur Eingeweihten wirklich verständliches”) aber schönes Experiment.
Der zweite Film ist etwas länger und heißt SLOW ACTION. Ben Rivers bekam im Darwinjahr den Auftrag etwas zum Thema zu machen und entschloss sich auf vier Inseln zu fahren die er schon immer besuchen wollte. Über den Bildern liegt ein Text der uns glauben macht es würden exotische Völker mit merkwürdigen Riten dort leben. Die ersten drei Kapitel sind menschenfrei, und Lanzarote wird ohne Touristen zu einer Sci-Fi Wüstenlandschaft. In Tuvalu sieht man menschliche Hinterlassenschaften (Müll etc.), und am Merkwürdigsten ist die verlassene japanische Insel Gunkanjima. Was es mit dieser künstlichen Betoninsel auf sich hat kann man in Wikipedia nachlesen. Erst im letzten Kapitel sieht man Menschen, die skurrile Masken tragen udn sich auf der fiktiven Insel “Sumerset” seltsamen Ritualen hingeben.
Mich faszinieren ja seit jeher ausgedachte Parallelwelten, vor allem wenn sie eine fiktive Kulturanthropologie beinhalten. Und da hat mir vor allem das letzte Kapitel mit dem ausgedachten Urvolk gefallen. Und ich bin schon gespannt auf den anderen Film von Ben Rivers den ich bald sehen werde.
So, der erste Tag an dem drei Filme hintereinander dran sind. Es beginnt mit SONNENSYSTEM von Thomas Heise, einer Dokumentation über ein Dorf im argentinischen Hochland. Dort wird alles noch so gemacht wie vor etwa 100 Jahren: Leder bearbeitet, Tiere geschlachtet, Rinder mit Brandzeichen versehen, rituelle Umzüge über die Felder gemacht. Einmal wird ferngesehen, aber das geht nur weil dafür der Generator angeworfen wird.
Der Film beobachtet zuerst die Landschaft, dann das Dorf und seine Menschen. Es gibt lange Einstellungen, niemals einen Off-Kommentar, und es gibt keine Interviews. Die Einstellungen sind lang, die Tonspur meistens ruhig. ich merke dass ich manchmal ein bisschen ungeduldig werden, aber das liegt auch daran dass aus irgendeinem Grund ständig jemand im Publikum mit einem Plastiksackerl raschelt (doch dazu später in einem eigenen Posting mehr). Trotzdem nimmt mich der Film immer wieder gefangen, und zwar auch wegen der klugen Kameraführung. Mehrmals dreht sich die Kamera um 180 Grad, und man denkt zuerst “Na gut, Landschaft”, aber dann kommt ein Pferd oder ein Mensch ins Bild, und plötzlich wird aus der Landschaft ein durchkomponiertes Geschehen. Sehr spannend.
Ganz am Ende als man es schon nicht mehr erwartet macht der Film eine neue Ebene auf, und die fand ich atemberaubend. ACHTUNG SPOILER: Man sieht die Dorfbewohner bepackt über Stock und Stein und durch Wasser gehen und in einem Bus wegfahren. Dann kommt eine lange Einstellung mit dem einzigen Musikeinsatz im ganzen Film (eine moderne Version des Dies Irae), in dem man an nicht enden wollenden Slumhütten vorbeifährt. Ein Kontrast der stärker nicht sein könnte und ein Bild das ohne Erklärung zeigt wie vergänglich das ist was ich die ganzen 95 Minuten davor gesehen habe.
Ich wäre insgesamt mit weniger als 100 Minuten Spielzeit auch gut zurande gekommen, aber diese Wendung am Schluss war es wert, denn die ist wirklich erstaunlich. Einer der Kameramänner war übrigens René Frölke, dessen Film DIE FÜHRUNG ich vor einigen Tagen gesehen habe.
Heute nur ein Film, man muss ja auch mal arbeiten, dafür morgen dann drei. Auf dem Programm stand MARTHA MARCY MAY MARLENE. Meine Bürokollegin hatte den Film schon auf einem Festival gesehen und ihn gut gefunden. Und tatsächlich – die jüngste der Olsen Geschwister Elizabeth spielt die Hauptrolle und hat mit diesem Film zwar sicherlich nicht so viel Geld gemacht wie ihre Zwillingsschwestern, aber dafür beweist sie ordentlich Talent.
Die Geschichte ist schlicht (Mädchen flüchtet sich aus Kommune mit gehirnwaschendem Anführer zu ihrer älteren Schwester), die Umsetzung arthouse-typisch. Die Schnitte zwischen den beiden Zeitebenen (Zeit in der Kommune vs. Zeit nach der Flucht bei der Schwester) führen das Publikum gerne an der Nase herum. Manchmal nervt das weil der Film herzeigt wie clever er sein will, aber ab und zu funktioniert das erschreckend gut.
Besonders aufgefallen ist mir die Fokussiertheit von John Hawkes (das war der Schuhverkäufer in ME AND YOU AND EVERYONE WE KNOW). Er spielt den Kommunenhäuptling mit einer solchen verführerischen Präzision, dass man sich nicht wundert wenn ihm die Mädchen scharenweise folgen. Die Leichtigkeit mit der er die Gehirnwäsche durchführt und die Brutalität seiner Rituale um die Mädchen dann an sich zu binden, und das alles in ganz wenigen und kurzen Szenen – großartig.
Trotzdem hat mich der Film nicht so restlos überzeugt. Ich fand darin wenig das nicht in anderen Arthousefilmen dieses Kalibers schon gesehen hätte (WENDY AND LUCY schafft da manches noch konzentrierter). Das mag aber auch daran liegen dass bei mir der Filmfestivaleffekt schön langsam zuschlägt – je mehr Filme ich in der kurzen Zeit sehe umso strenger werde ich. Mal sehen was ich morgen schreibe, nachdem ich drei Filme hintereinander gesehen habe.
Ich gebe zu, ein Grund wieso ich mir den Film ansehen wollte war dass ich zwar die belgische Stadt Ostende kenne, aber nicht wusste dass es an der argentinischen Küste auch einen Ort namens Ostende gibt, und so heißt auch der Film der dort spielt: OSTENDE.
Von dem wenigen das ich am Anfang des Films von dem argentinischen Ostende sehen kann schließe ich dass es dort ebenso hässlich verbaut ist wie im belgischen Pendant, und auch das Wetter scheint in der Nachsaison vergleichbar unwirtlich zu sein. Der Großteil des Films spielt dann in einem Hotel. Eine junge Frau kommt dort hin, und während sie darauf wartet dass in wenigen Tagen ihr Freund nachkommen wird, beobachtet sie einen älteren Mann mit zwei jungen Frauen und gerät mit einem redseligen Kellner ins Gespräch, der ihr eine nicht unspannende Räuberpistole als mögliches Drehbuch für einen Film pitcht. Vielleicht ist es ja dieses Gespräch das sie dazu inspiriert sich für die Backstory des älteren Mannes zu interessieren, nachdem sie einen Streit zwischen ihm und einer seiner jüngeren Begleiterinnen beobachtet. Was läuft da zwischen den beiden? Plant jemand ein Verbrechen?
An einigen wenigen Stellen zeigt der Film sein Potential, da scheint etwas von David Lynch und Alfred Hitchcock durch, aber über weite Strecken blieb es für mich dann einfach die Geschichte einer jungen Frau die Menschen beobachtet und sich dabei so ihres denkt. Und das ist schade, ich bin nämlich überzeugt davon dass man aus dem schlichten Plot etwas sehr Vielschichtiges und Geheimnisvolles hätte machen können.
Beim nachfolgenden Publikumsgespräch erfahre ich dass die Autorenfilmerin Laura Citarella ein Budget von ca.5000 Dollar hatte und den Film von der ersten Idee bis zum ersten Festivalscreening in Buenos Aires innerhalb von einem knappen dreiviertel Jahr realisiert hat. Gefilmt auf einer Canon 7D, unter Einsatz von Gratisarbeit einer Gruppe von FreundInnen mit denen sie auch eine Firma hat und ihr Papa spielte gratis den älteren Mann im Film. Hut ab! Aber auf diverse Fragen aus dem Publikum wie denn dieses und jenes gemeint war sagt sie oft “Oh, this was just a joke between me and my friends” und “I have no idea about the backstory of these characters”. Das ist irgendwie entzückend, andererseits ist es nicht meine Herangehensweise. Kann sein dass ich das zu streng sehe, aber es braucht dieselbe Lebenszeit (und in dem Fall auch Selbstausbeutung) etwas Halbgares zu machen als zumindest die Chance zu nutzen mit dieser Zeit etwas Ausgereiftes, Großes zu schaffen.
Im übrigen habe ich das eine halbe Stunde bevor ich ins Kino ging mit einem befreundeten Kameramann diskutiert: Wenn ein formales Konzept oder eine toll klingende Idee nur um des Konzept willens eingesetzt wird übertüncht das oft den Kern der Films (oder verdeckt dass es keinen starken Kern gibt) und außerdem kommt mir die Sache dann oft beliebig vor. Aber darauf muss ich einmal näher eingehen, so verkürzt führt das jetzt nur zu Missverständnissen. Möglicherweise war aber genau dieses Gespräch der Grund wieso ich dann mit sehr gemischten Gefühlen dasaß und irgendwie fand dass da vielleicht etwas zu leichtfüßig eine Chance auf einen wirklich “großen” kleinen Film vertan wurde. Und dass eine gute Idee noch lange keine gute Geschichte ist.
Ist vielleicht eh ganz gut wenn mich der Weltuntergang in verschlafenem Zustand ereilt, dachte ich. Seit Tagen steuere ich auf Autopilot zwischen Kino, Arbeit, Essen und Schlafen hin und her, da kommt es auf eine Vorstellung von MELANCHOLIA um 11 Uhr vormittags auch nicht mehr an.
Der Film beginnt dann auch gleich ganz bombastisch mit Klängen von Wagner und in Zeitlupe gefilmten albtraumhaften tableaux vivants. Und er nimmt das unausweichliche Ende vorweg, aber das kennt man ja auch spätestens seitdem die ersten Kritiken und der Trailer heraus sind: Am Ende ist nichts gut.
Dann beginnt eine Geschichte über eine Hochzeit, zwei Schwestern und eine Gefahr aus dem Weltall, aber worauf das ganze für mich letztlich hinausläuft ist die Aussage dass sich die Menschen viel wichtiger nehmen als sie eigentlich sind. Carl Sagan hat das einmal in Kombination mit diesem Foto so formuliert: “All of human history has happened on that tiny pixel (shown here inside a blue circle), which is our only home”. Wir sind tatsächlich nicht mehr als ein winziger Pixel in einem fast unendlichen Raum, und die Chancen dass wir die einzigen sind liegen gut. Womit wir übrigens wieder beim Thema der Relationen wären.
Lars von Trier zwingt mich in einem Sog von alptraumhaften Emotionen und Bildern zu dieser Conclusio, und bis auf einige überpathetische Einstellungen lasse ich mich gerne dorthintreiben. Denn letztlich schwebt da bei aller Härte auch ein gewisses einfühlsames Mitgefühl mit unserer Spezies mit, und bei allem Apokalyptischen haben die Bilder auch immer wieder eine tiefe Schönheit. Nach dem Film bin ich atemlos und bleibe noch lange in der Atmosphäre gefangen.
Unter anderem weil es im zweiten Teil des Films eine Sequenz gibt in der Kirsten Dunst das Krankheitsbild der Depression enorm eindringlich darstellt. Und es macht mich wütend dass in so vielen Kritiken steht die Figur Justine würde einer unerklärlichen Melancholie anheimfallen. Nein. Sie hat eine schwere Depression, und nicht nur dass Kirsten Dunst das sehr wahrhaftig spielt, sondern auch die Reaktionen der Menschen die ihr am nächsten stehen stimmen genau: “Reiß dich zusammen”, “Mach keine Szene” hört sich Justine an, während sie nicht einmal mehr in der Lage ist ihren Fuß zu heben oder die Augen zu öffnen. “Unerklärlicher Anflug von Melancholie”, my ass.
Fazit: Auch wenn ich bei bestimmten Bildern nicht mehr mitkonnte weil sie mir zu überladen waren hat mich die Wucht dieses Films volle Breitseite erwischt und immer noch nicht losgelassen. Und das gefällt mir sehr.
P.S.: Ich verleihe hiermit noch zwei Preise, und zwar den einen an Charlotte Rampling für die präziseste Darstellung einer in ihrer eigenen Kälte gefangenen Mutter und den zweiten an Udo Kier für die beste sich wiederholende Handbewegung ever.
Da gönne ich mir absichtlich zwei Tage ohne Viennale (man muss ja schließlich auch mal arbeiten), und was passiert? Ich gewinne Kinokarten. Und zwar für die Premiere von Werner Herzogs Dokumentarfilm CAVE OF FORGOTTEN DREAMS, und zwar in 3D. Na dann verbringe ich halt noch einen Abend im Kino, ist eh schon egal.
Ich war ja von dem Thema des Films schon angefixt als ich den Trailer vor einigen Wochen im Kino gesehen hatte. Ich meine: Es geht um 30.000 Jahre alte Höhlenmalereien. Also in Worten: Dreißigtausend Jahre. Das ist nicht nichts. Und dieses Erlebnis im Film war wirklich unglaublich. Allein die Vorstellung wie die Höhlenforscher die Höhle entdeckt hatten, die nach einem Erdrutsch vor 22.000 Jahren verschlossen wurde – ihr erster Blick auf diese Malereien, wenn es dann langsam ins Bewusstsein sackt was man da vor sich hat. Aber ich hatte den Eindruck dass es Werner Herzog nicht wirklich darum geht, auch wenn er interessante (und auch skurrile) ExpertInnen vor die Kamera holt.
Mein Eindruck war, dass es ihm viel mehr darum ging die Brücke dazu zu schlagen dass man hier die Seele des Menschseins ablesen kann, die Wiege unserer Kultur sozusagen. Und das tut Werner Herzog dann stellenweise mit einer Vehemenz und einem Pathos im Voiceover dass ich mir oft gewünscht habe er würde jetzt einfach nichts mehr sagen.
Aber abgesehen davon ist dieser Film ein richtiges Erlebnis. Auch wenn meine Hirn 3D Bilder die mit einer Handkamera gefilmt wurden nicht wirklich mag (Hallo, Schwindelanfall!). Das gibt sich dann später in der Höhle, da war vielleicht der Platz kleiner oder die Ehrfurcht größer, jedenfalls war das Gezappel weg. Und ich bin ganz berührt von all den Pferden und Löwen und Nashörnern und Wölfen, und ich stelle mir vor wie das unzählige Generationen vor mir Menschen gemalt haben, warum auch immer, und wie einer seine Hand in rote Farbe taucht und seinen Abdruck hinterlässt. Vor 30.000 Jahren. Das stellt einige Relationen klar und das allein ist schon ein Grund sich den Film anzusehen. Schade dass der Film nicht im IMAX Kino laufen wird, dann hätte ich ihn mir glatt nochmal angeschaut.
Draußen sitzen die herbstlichen Nebelschwaden tief zwischen den Häusern und ich habe Mühe mich am Abend schläfrig aus der geheizten Wohnung ins Kino zu bewegen. Mit einer kleinen Sehnsucht sehe ich der “Pocket Coffee” Werbung nach die an der U-Bahn-Türe klebt. Aber Kneifen gilt nicht, schon gar nicht am Anfang der Viennale. Zum Glück werden die Kisten am Eingang zum Kinosaal gerade mit den kleinen Drageekeksisackerln aufgefüllt die der Viennalesponsor sponsert, überhaupt werden diese Drageekeksi schön langsam zu meiner Hauptnahrungsquelle. Solchermaßen gestärkt setze ich mich ins Kino und weiß gar nicht so genau was mich erwartet. Und es wird unverhofft etwas sehr Schönes daraus.
E LIKE ENTER ist ein klug kuratierter Abend aus vier Filmen die sich mit dem Zugang zu moderner Kunst beschäftigen, und zwar einerseits wörtlich, andererseits metaphorisch. Den Beginn macht der Zusammenschnitt einer Dokumentation der Performance Imponderabilia von Marina Abramovic und ihrem damaligen Partner Ulay in einer italienischen Galerie im Jahr 1977. Die beiden hatten damals den Eingang architektonisch auf einen knappen Durchlass verengt, stellten sich nackt mit dem Gesicht zueinander als Türrahmen auf, und jeder der die Galerie betreten wollte musste sich zwischen den beiden durchquetschen. Was auf dem Film zu sehen ist sind Menschen, die sich fast immer der Frau zuwenden (man kommt nämlich nur seitlich vorbei und muss sich zu einem der beiden drehen), die manchmal kurz verweilen, denen es peinlich ist, die es lustig finden, und kaum einer schaut ihm oder ihr je in die Augen. Ein Zugang zur Kunst der durch das Reiben an nackten Körpern zustande kommt, ein schlichtes und wirkungsvolles Konzept. Ulay ist nach dem Film auch da und erzählt sehr spannende Sachen über Performancekunst, aber ich will es hier ja kurz und bündig halten, deswegen nur so viel für die, die das intensiver interessiert: Heute, Montag (24.10.) findet um 15h im Künstlerhaus ein Gespräch zwischen Ulay, Carola Dertnig und Stefanie Seibold statt.
Der nächste Film ist eine Reportage über die Op-Art-Ausstellung THE RESPONSIVE EYE (der Link inkludiert den Film), die 1965 im MoMa in New York stattfand. Gedreht wurde das von Brian de Palma, zu Wort kommen der Kurator William Seitz, weiters der enthusiasmierte Filmtheoretiker Rudolf Arnheim sowie diverse VernissagenbesucherInnen, unter ihnen David Hockney (der diese Art von Kunst übrigens nicht ausstehen kann). Eine spannende Momentaufnahme, besonders wenn man sie jetzt retrospektiv betrachtet.
Jetzt kommt ein sehr kurzer Film von Kurt Kren namens DAS FEST. Wackelige Zeitrafferaufnahmen und unscharfe Bilder mit einem Stimmengewirr auf der Tonebene beschreiben ein Fest im Museum für Angewandte Kunst. Satte Farben, Chaos und Lärm. “Die Trunkenheit des Publikums ist in Krens persönliche Filmsprache übersetzt.” sagt das Viennale-Programm dazu. Mir bleibt das eher fremd, aber macht nichts.
Zum Abschluss läuft der Dokumentarfilm DIE FÜHRUNG von René Frölke. Darin geht es um den Tag an dem der damalige deutsche Bundespräsident Horst Köhler 2008 die renommierte Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe besucht. Die Werkstätten und Räume sind aus Sicherheitsgründen leer, bis auf einen Studenten der dem Bundespräsidenten und seiner Entourage eine Performance vorführen darf. Der Rektor Peter Sloderdijk, der Professor Peter Weibel und der Herr Bundespräsident bemühen sich um intelligente Konversation, versuchen sich teilweise in ihrer Argumentation zu übertrumpfen, sie sprechen von Realwirtschaft und von Kunst und interpretieren die Performance des einsamen Studenten auf eine Weise, dass dieser keine Antwort mehr parat hat. Eine entlarvende Groteske zwischen Männern (denn außer einer Sekretärin bleibt die Führung frauenlos) in sprichwörtlichen Führungspositionen, fokussiert durch eine konzentrierte Tonebene und sehr nahe schwarz-weiß-Bilder. DIE FÜHRUNG läuft nochmals am 28. und 29.10. im Rahmen eines anderen Kurzfilmprogramms, und ich empfehle es. Hier der Trailer:
Fußnote: Der erste Film zeigt dass die Brillenmode 1977 ganz abscheulich war und der zweite dass man 1965 sehr veritabel aufgeputzt zur Vernissage ins MoMa ging. Auch interessant.