Bevor es mit den Viennale Filmkritiken weitergeht, kommt hier für alle, die ihren Weg durch einen Film suchen, noch ein hilfreicher Plan:
Die Seite xkcd, von der die Grafik stammt, beherbergt übrigens ein höchst amüsantes und extranerdiges Webcomic, das zwar normalerweise selten mit Film zu tun hat, aber in jedem Fall sehr empfehlenswert ist.
Ich habe einen Hang zum Norden. Deshalb greife ich nach jeder Gelegenheit skandinavische Filme zu sehen. Viel Spielraum lässt mir die Viennale dazu traditionellerweise nicht; hätte ich ein Fable fürs Asiatische, käme ich viel mehr auf meine Kosten. Aber was will man machen.
Also trinke ich einen Espresso und gehe eine halbe Stunde vor Mitternacht ins Satdtkino, um mir MAN TÄNKER SITT (a.k.a. BURROWING) anzusehen. Ich weiß nichts über den Film. Und versuche nun seit Tagen zu formulieren, wodurch er mich so berührt hat. Offenbar hat der Film bei mir die Türe zu etwas Unaussprechlichem über das Leben aufgestoßen. Trotzdem ein Versuch.
Vorsicht: Manche mögen Teile der folgenden Kritik als Spoiler empfinden!
MAN TÄNKER SITT erzählt von mehreren Menschen in einer Reihenhaussiedlung, die nach ihrem Platz im Leben suchen. Der elfjährige Sebastian führt uns via Voiceover in die Nachbarschaft ein: Der eine lebt mit seinem Baby im Haus seiner Eltern ohne einen Schlüssel dafür zu besitzen, der andere hat ein Haus, ist aber trotzdem nicht glücklich, der Dritte ist schon älter und irgendwie hier in Schweden hängengeblieben. Mehr wird nicht erklärt, und mehr braucht man auch nicht. Der Film verzichtet weitgehend auf Dialoge und beobachtet dafür die Menschen umso genauer. Die Situationen, in die sie geraten sind ohenhin dermaßen präzise und teilweise atemberaubend (selbst wenn fast nichts zu passieren scheint), dass jede weitere Erklärung unnötig ist.
Damit das ganze nicht auseinanderfällt, gibt es ein starkes Thema, das durch jede Pore des Films atmet: Wie kann der Mensch, das Individuum sich eingliedern in die Gesellschaft? Wie passt man dazu, wie passt man sich an? Kann man überhaupt so leben wie man leben soll?
(Tolles Pressefoto: Sebastian, der elfjährige Junge, der versucht in ein Erwachsenenhemd zu passen.)
Immer wieder fliehen die Charaktere in den Wald, in die Natur, doch selbst dort scheinen sie zurückgewiesen zu werden. Erlösung gibt es keine. Und trotzdem ist der Film nicht deprimierend, sondern einfach nur unglaublich menschlich und wahr und beobachtet auch die ganz kleinen Momente, die man sonst schnell übersieht. Wahrscheinlich hat er mich genau deswegen so berührt.
Übrigens hat mich MAN TÄNKER SITT öfters an MÄRZ von Händl Klaus erinnert, wenn mir auch MÄRZ im Vergleich dazu weitaus beliebiger und weniger präzise vorkommt und mich viel mehr außen vor gelassen hat.
P.S.: Die Musik zu MAN TÄNKER SITT ist wunderschön. Sie stammt von Erik Enocksson, und man kann sie zum Beispiel hier kaufen.
Mit Kurzfilmprogrammen habe ich persönlich bei Filmfestivals ja noch selten Glück gehabt. Weshalb das so ist, weiß ich nicht. Oft wirkt die Zusammenstellung auf mich beliebig, und/oder die Qualität der Filme ist sehr unterschiedlich.
Die dffb Berlin feiert 40jähriges Jubiläum und stellt sich auf der Viennale mit mehreren Kurzfilmprogrammen von Studenten udn Absolventen vor. Da dachte ich: Schaust Du Dir mal an, was die dort so machen. Aber leider muss ich offen sagen – ich war enttäuscht. Bis auf einen Film haben sich mir die Arbeiten schlichtweg nicht erschlossen oder ich fand sie rein handwerklich nicht gut genug (was z.B. bei den narrativen Filmen Regie oder Dramaturgie betrifft).
Hervorzuheben ist aber SPATZEN (R: Jan Speckenbach), ein Film der eigentlich als Kameraübung gedacht war und dann mehr als nur eine Etüde geworden ist. Die Kamera schwebt vor, neben und hinter dem Protagonisten her, man bricht plötzlich unvermittelt in Gesang oder Tanz aus, ist immer in Bewegung und dabei doch irgendwie ziellos, nur um am Ende dort zu landen, wo man am Anfang weggegangen ist – und zu entdecken, dass auch dort nichts so ist wie es scheint. Der Film ist originell, aber dabei belässt er es nicht, weil sich ganz beiläufig eine weitere Ebene auftut über die Absurdität der Alltagsbewältigung. Das hat mir sehr gefallen.
Gut besetzt und kompakt erzählt fand ich auch noch LENNY (R: Cyril Amon Schaublin), eine Geschichte über das Videotagebuch eines Teenagermädchens und eines Jungen, der die Clips ansieht. Auch hier hat sich eine zweite Ebene aufgetan, über das Alleinsein und den Zwiespalt zwischen virtueller und (nicht stattfindender) persönlicher Kommunikation. Mir persönlich war nur das Thema viel zu abgenutzt, was aber schlichtweg daran liegen mag, dass ich mich so viel mit dem Internet auseinandersetze, dass diese Erkenntnis der Kommunikationsunmöglichkeit für mich wirklich keine neue mehr ist.
Vorsicht: Manche mögen Teile der folgenden Kritik als Spoiler empfinden!
Die Geschichte von LOLA (R: Brillante Mendoza) ist rasch erzählt: Man begleitet zwei Großmütter durch den Weg der Bewältigung von Trauer und Schuld. Der Enkelsohn der einen Großmutter wurde auf offener Straße umgebracht, der Enkel der anderen Großmutter ist der Täter. Die Trauer der einen und die Hoffnung auf Vergebung der anderen werden parallel gezeigt, irgendwann treffen sich die beiden alten Frauen, und am Ende ist man mit den beiden durch den Prozess des Trauerns und Verzeihens gegangen.
Der Film erzählt sehr schlicht, sehr ruhig; er konzentriert sich vollkommen auf die beiden alten Frauen. Dass deren Weg beschwerlich ist, zeigt sich bereits in der Eröffnungssequenz: Der Kampf gegen Wind und Regen mit einem kleinen klapprigen Regenschirm ist endlos und doch muss er ausgefochten werden, denn eine Kerze will entzunden werden um am Tatort des Opfers des Raubmords zu gedenken.
Aber dann macht der Film etwas sehr Erstaunliches: Er setzt sich nicht auf die Beschwerlichkeit. Behörden werden bemüht, und sie legen keine Steine in den Weg. Nachbarn werden um Hilfe gebeten, und sie verweigern sie nicht. Von Arthousefilmen mit diesem Tonfall bin ich da anderes gewohnt. Umso wohltuender war LOLA. Durch die Absenz von noch mehr Tragik als die Prämisse des Films ohnehin schon in sich trägt, konnte ich mich vollkommen auf die beiden Protagonistinnen konzentrieren, auf ihren Weg durch die Trauer und ihr Ringen um Vergebung. Das war weitaus genug, es trug den ganzen Film mühelos – der ruhigen Erzählweise und der unaufgeregten Emotion sei dank. Ein sehr schöner Film.
Ich mag Science Fiction Filme. Ich mag das Futuristische, weil es cool aussieht und auch weil es oft unterschwellig das herausarbeitet und kritisiert, was in der Gegenwart brodelt. Deswegen habe ich mich sehr auf MOON (R: Duncan Jones) gefreut. Ein futuristisches Kammerspiel auf dem Mond? Gehyped auf zahlreichen Filmfestivals? Aber bitte, gerne!
Achtung: Im folgenden Text befinden sich keine Spoiler, in den Kommentaren jedoch schon!
Leider muss ich zugeben dass ich dann etwas enttäuscht war. Ich hatte den Eindruck, dass dem Film eine sehr gute Idee samt bestechendem Thema zugrunde liegt, die aber nicht durch ein starkes Konzept für einen Langfilm umgesetzt wurde. Deswegen dachte ich die ganze Zeit, ob man dafür wirklich 90 Minuten braucht, oder ob 40 vielleicht genügt hätten. Ein tolles Set Design, ein guter Schauspieler (Sam Rockwell) und lässige Musik machen eben dann doch noch keinen guten Film. Die Figuren blieben letztlich für mich an der Oberfläche hängen, das ganze fühlte sich parabelhaft an und eher weniger “menschlich”, obwohl die Geschichte eine gute Prämisse mit einem starken inneren Konflikt gehabt hätte. Schade.